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Bildungsforschung : Geduld, nur Geduld!

  • -Aktualisiert am

Mehr Geduld beim Puzzle? Mehr Erfolg im Leben! Bild: Jakob von Siebenthal

Die Fähigkeit, sich zu gedulden, ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg unserer Kinder in der Schule und im Leben. Aber kann man Geduld gezielt fördern? Womöglich sogar schon im Kindergarten?

          4 Min.

          Die Kinder im Alter von neun und zehn Jahren sitzen konzentriert vor ihren Entscheidungsblättern. Die Versuchsleiter, zwei Ökonominnen aus der Türkei, Sule Alan und Seda Ertac, haben ihnen folgende Aufgabe gestellt: Alle Kinder haben ein Budget von 5 Werteinheiten. Jede Werteinheit, die sie heute konsumieren wollen, wird am Ende der Stunde in ein kleines Geschenk umgetauscht. Die Schüler können aber auch Werteinheiten aufbewahren und erst eine Woche später eintauschen. Dann gibt es 25 Prozent Zinsen für jede gesparte Einheit, und es können größere und mehr Geschenke ausgesucht werden.

          Die beiden Forscherinnen von der Koc-Universität sind insbesondere daran interessiert, ob eine von ihnen entworfene bildungspolitische Intervention ein Jahr zuvor einen Einfluss auf die Entscheidungen der Schüler hat. Mit Zustimmung des türkischen Bildungsministeriums haben sie in 37 Istanbuler Grundschulen für die Dauer von acht Wochen mehrere Unterrichtsstunden dafür verwendet, um mit den Kindern das Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft zu erörtern. Unter anderem haben sie dabei Geschichten mit den Kindern diskutiert. Eine dieser Geschichten erzählt etwa von einem jungen Mädchen, das ihr Taschengeld für ein Fahrrad sparen möchte, sich bis zum Erreichen des Sparziels aber auch viele andere Dinge wie Haarspangen wünscht. Das Taschengeld reicht jedoch nicht für alle Konsumgüter.

          Mit einer Zeitmaschine kann das Mädchen nun in die Zukunft reisen zu jenem Moment, wo sie entweder das Geld für das Fahrrad zusammengespart hat, weil sie für andere Dinge nicht viel Geld ausgegeben hat, oder an dem sie viele andere Dinge mittlerweile gekauft, dadurch aber nicht genug Geld für ein Fahrrad hat. Die Schüler in dem Forschungsprojekt sollen sich dann ähnliche Situationen aus ihrem Leben vorstellen und Vor- und Nachteile der alternativen Zustände diskutieren.

          Würden solche und ähnliche Interventionen über einen Zeitraum von acht Wochen die Kinder ein Jahr später geduldiger machen, wenn sie ihre fünf Werteinheiten zwischen dem Konsum heute und dem Konsum in einer Woche aufteilen würden? Und warum wäre das überhaupt interessant und bedeutsam?

          Geduld und Erfolg hängen zusammen

          Verhaltens- und Bildungsökonomen sind sich darin einig, dass Geduld ein überaus bedeutsamer Faktor für späteren Erfolg ist, insbesondere im Hinblick auf die Bildungslaufbahn. Eine aktuelle Studie von Brian Cadena und Benjamin Keys hat Daten einer repräsentativen Befragung amerikanischer Jugendlicher aus den achtziger Jahren mit ihrem späteren Bildungserfolg verknüpft. Aus den ursprünglichen Befragungen der Jugendlichen haben die Autoren ein Maß für die Geduld eines Jugendlichen generiert und dann geprüft, ob die Bildungsabschlüsse damit korrelieren, selbst wenn man für Intelligenz, das Elternhaus und weitere Einflussgrößen kontrolliert.

          Cadena und Keys zeigen, dass die als ungeduldig eingestuften Jugendlichen mit 50 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit die High-School abbrechen. Sogar nach drei Jahren College-Ausbildung sind die Abbruchquoten der ungeduldigen Jugendlichen viel höher als in einer Kontrollgruppe. Die geringere Ausbildung der Ungeduldigen verursacht eine akkumulierte Verdiensteinbuße von etwa 75 000 Dollar im Alter von 40 Jahren. In diesem Alter sind die Ungeduldigen auch deutlich weniger mit ihrem Leben zufrieden als Mitglieder der Kontrollgruppe. (Brian Cadena und Benjamin Keys: Human capital and the lifetime costs of impatience, American Economic Journal: Economic Policy 2015)

          Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass die Ungeduldigen im Erwachsenenalter mit höherer Wahrscheinlichkeit Raucher sind und zu Alkoholismus neigen. Diese Zusammenhänge bestätigen einmal mehr die Zusammenhänge, die durch Walter Mischels Marshmallow-Experimente mittlerweile weltweit bekannt sind und die ich in meinem Buch „Die Entdeckung der Geduld“ beschrieben habe. Mischels Experimente haben gezeigt, dass Selbstkontrolle in der Kindheit - gemessen als die Fähigkeit, einige Minuten auf ein zweites Marshmallow zu warten anstatt eines sofort zu essen - mit besserer Gesundheit und höherer Bildung im Erwachsenenalter einhergeht.

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          Wenn Geduld für die Ausbildung so bedeutsam ist, dann sollte die Bildungspolitik sich über Interventionen Gedanken machen, wie man die Fähigkeit der Schüler zur Geduld möglicherweise positiv beeinflussen kann. Das bringt uns wieder zur eingangs beschriebenen Studie von Alan und Ertac. Schüler mit der achtwöchigen Intervention - den Unterrichtsstunden zum Thema Geduld - ein Jahr zuvor konsumieren im Experiment im Durchschnitt 1,6 Werteinheiten sofort, Schüler ohne Intervention 2,2 Werteinheiten. Beide Gruppen, jene mit und jene ohne Intervention, unterschieden sich aber nicht in einer Messung zu Beginn des Projekts. Der Einfluss der Intervention war sofort danach messbar, aber auch noch ein Jahr später, was ein erstaunlich langfristiger Effekt ist.

          Experimente im Kindergarten

          Kürzlich habe ich gemeinsam mit zwei Kollegen in einem Kindergarten in einem Experiment untersucht, ob Interventionen auch bei Drei- bis Sechsjährigen die Bereitschaft zu warten beeinflussen können. Eine Gruppe von Kindern durfte sich ein Geschenk aussuchen, das sie sofort haben konnten. Alternativ konnten sie aber auch darauf verzichten, um am nächsten Tag zwei Geschenke zu erhalten. Eine zweite Gruppe von Kindern suchte sich zwei Geschenke für den nächsten Tag aus, konnte dann aber stattdessen sofort eines nehmen (und am nächsten Tag keines mehr erhalten). Wenn wie in der zweiten Gruppe der Status quo zwei Geschenke am nächsten Tag waren, dann widerstanden ungefähr 20 Prozentpunkte mehr Kinder der Versuchung, sofort ein Geschenk zu nehmen. Das belegt, dass Entscheidungen, die Geduld erfordern, auch über die Darstellung der Optionen beeinflusst werden können. (Matthias Sutter, Levent Yilmaz und Manuela Oberauer: Delay of gratification and the role of defaults, Economics Letters 2015).

          Insgesamt kann man festhalten, dass verhaltensökonomische und -psychologische Einsichten wertvolle Impulse für die Bildungspolitik leisten könnten, um zukunftsorientiertes Verhalten, insbesondere im Bildungsbereich, zu fördern. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Forschern und Bildungspolitikern wäre also auf jeden Fall zu begrüßen.

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