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Bildungsforschung : Geduld, nur Geduld!

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Cadena und Keys zeigen, dass die als ungeduldig eingestuften Jugendlichen mit 50 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit die High-School abbrechen. Sogar nach drei Jahren College-Ausbildung sind die Abbruchquoten der ungeduldigen Jugendlichen viel höher als in einer Kontrollgruppe. Die geringere Ausbildung der Ungeduldigen verursacht eine akkumulierte Verdiensteinbuße von etwa 75 000 Dollar im Alter von 40 Jahren. In diesem Alter sind die Ungeduldigen auch deutlich weniger mit ihrem Leben zufrieden als Mitglieder der Kontrollgruppe. (Brian Cadena und Benjamin Keys: Human capital and the lifetime costs of impatience, American Economic Journal: Economic Policy 2015)

Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass die Ungeduldigen im Erwachsenenalter mit höherer Wahrscheinlichkeit Raucher sind und zu Alkoholismus neigen. Diese Zusammenhänge bestätigen einmal mehr die Zusammenhänge, die durch Walter Mischels Marshmallow-Experimente mittlerweile weltweit bekannt sind und die ich in meinem Buch „Die Entdeckung der Geduld“ beschrieben habe. Mischels Experimente haben gezeigt, dass Selbstkontrolle in der Kindheit - gemessen als die Fähigkeit, einige Minuten auf ein zweites Marshmallow zu warten anstatt eines sofort zu essen - mit besserer Gesundheit und höherer Bildung im Erwachsenenalter einhergeht.

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Wenn Geduld für die Ausbildung so bedeutsam ist, dann sollte die Bildungspolitik sich über Interventionen Gedanken machen, wie man die Fähigkeit der Schüler zur Geduld möglicherweise positiv beeinflussen kann. Das bringt uns wieder zur eingangs beschriebenen Studie von Alan und Ertac. Schüler mit der achtwöchigen Intervention - den Unterrichtsstunden zum Thema Geduld - ein Jahr zuvor konsumieren im Experiment im Durchschnitt 1,6 Werteinheiten sofort, Schüler ohne Intervention 2,2 Werteinheiten. Beide Gruppen, jene mit und jene ohne Intervention, unterschieden sich aber nicht in einer Messung zu Beginn des Projekts. Der Einfluss der Intervention war sofort danach messbar, aber auch noch ein Jahr später, was ein erstaunlich langfristiger Effekt ist.

Experimente im Kindergarten

Kürzlich habe ich gemeinsam mit zwei Kollegen in einem Kindergarten in einem Experiment untersucht, ob Interventionen auch bei Drei- bis Sechsjährigen die Bereitschaft zu warten beeinflussen können. Eine Gruppe von Kindern durfte sich ein Geschenk aussuchen, das sie sofort haben konnten. Alternativ konnten sie aber auch darauf verzichten, um am nächsten Tag zwei Geschenke zu erhalten. Eine zweite Gruppe von Kindern suchte sich zwei Geschenke für den nächsten Tag aus, konnte dann aber stattdessen sofort eines nehmen (und am nächsten Tag keines mehr erhalten). Wenn wie in der zweiten Gruppe der Status quo zwei Geschenke am nächsten Tag waren, dann widerstanden ungefähr 20 Prozentpunkte mehr Kinder der Versuchung, sofort ein Geschenk zu nehmen. Das belegt, dass Entscheidungen, die Geduld erfordern, auch über die Darstellung der Optionen beeinflusst werden können. (Matthias Sutter, Levent Yilmaz und Manuela Oberauer: Delay of gratification and the role of defaults, Economics Letters 2015).

Insgesamt kann man festhalten, dass verhaltensökonomische und -psychologische Einsichten wertvolle Impulse für die Bildungspolitik leisten könnten, um zukunftsorientiertes Verhalten, insbesondere im Bildungsbereich, zu fördern. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Forschern und Bildungspolitikern wäre also auf jeden Fall zu begrüßen.

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