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Bildungsaufstieg : Arbeiterkinder in den Hörsaal!

Hier sitzen vor allem die Sprösslinge gebildeter Eltern: Typischer Hörsaal in Deutschland. Bild: dpa

Seit Jahren warnen Konservative vor einem Akademisierungswahn. Linke poltern, dass die soziale Herkunft den Lebensweg und das Denken bestimme. Aber woran liegt es denn nun, dass so wenige Arbeiterkinder studieren? Ein Kommentar.

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          Von hundert Akademikerkindern nehmen in Deutschland 74 ein Hochschulstudium auf. Bei Kindern aus Nichtakademikerfamilien sind es gerade einmal 21. Was läuft hier schief?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Gar nichts“, sagen Konservative, die seit Jahren vor einem Akademisierungswahn warnen. Schließlich sei ein Studium keine Garantie für ein glückliches und erfolgreiches Leben, und man könne es auch als Schreiner oder Mechatroniker zu überdurchschnittlichem Einkommen bringen. „Alles läuft hier schief“, poltern dagegen Linke, die in den ungleichen Zahlen einen Beweis dafür sehen, dass hierzulande nach wie vor die soziale Herkunft den Lebensweg und das Denken bestimme: Die Klassengesellschaft verhindere den sozialen Aufstieg von Arbeiterkindern; vor den Häusern der bessergestellten Akademiker hängt das Schild „Geschlossene Gesellschaft“.

          Die Deutungen sind kontrovers, der Befund ist eindeutig: Zwar gibt es seit den sechziger Jahren eine sich beschleunigende Bildungsbeteiligung aus allen sozialen Schichten. Doch über die Jahre hatten die Akademikerkinder stets bessere Chancen, ein Studium aufzunehmen, als Nichtakademiker: Herkunft bestimmt die spätere Laufbahn, nicht Begabung, intellektuelles oder soziales Potential.

          Es liegt nicht am Geld

          Das ist schwer zu ertragen, selbst wenn man davon absieht, dass Bildung an sich schon ein Wert ist und, rein materialistisch, auf die Einkommenserwartung blickt: Personen mit einem abgeschlossenen Studium verdienen im Jahr 2017 in Deutschland durchschnittlich 2750 Euro netto im Monat, mit abgeschlossener Lehre sind es 1850 Euro, ohne Ausbildung hat man lediglich 1400 Euro zur Verfügung.

          Grob gesprochen, heißt das: Mit einem Studium lässt sich das Durchschnittseinkommen verdoppeln. Wenn das so ist, warum nutzen Nichtakademiker diese Chancen so wenig? An objektiven Barrieren kann es kaum liegen. Am Geld, wie Politiker gerne suggerieren, auch nicht. Ausgaben für Schulen und Universitäten steigen Jahr für Jahr.

          Es gibt kein Wissensproblem

          Was aber dann? Es ist das Verdienst des Münchner Bildungsökonomen und Ifo-Forschers Ludger Wößmann, diesem Rätsel beharrlich nachzugehen. Liegt es womöglich daran, dass in Arbeiterhaushalten nicht bekannt ist, welches Einkommen ein Studium bringt? Wissen die Leute nicht, dass staatliche Universitäten keine Studiengebühren verlangen und begabte Kinder Zugang zu einer Vielzahl von Stipendien haben? Wößmann hat das alles empirisch getestet und herausgefunden: Es ist kein Wissensproblem. Unterschiede in der Einschätzung von Kosten und Nutzen können die große Kluft im Bildungswillen zwischen Akademikern und Nichtakademikern nicht erklären.

          Die Ökonomie kommt hier offenbar an ihre Grenzen, weshalb der Ifo-Forscher es in seinem vergangene Woche veröffentlichten „Bildungsbarometer“ zur Abwechslung einmal mit Psychologie versucht hat: Gibt es womöglich bei Nichtakademikern, ausgesprochen oder unausgesprochen, die Furcht, ein höherer Bildungsabschluss könnte zu einer Entfremdung zwischen Eltern und Kind führen, während umgekehrt bei Akademikern, ausgesprochen oder unausgesprochen, ein Gebot im Raum steht, den Bildungsabschluss der Eltern zumindest zu kopieren? So scheint es in der Tat zu sein: Überlegungen, welche Folgen die Wahl eines Bildungsabschlusses für die Beziehung zu den Eltern haben, könnten erklären, warum die Kluft sich so hartnäckig hält – aller finanzkräftiger Chancengleichheitspolitik zum Trotz.

          Warum das so ist? Der soziale Aufstieg wird offenbar (auch) als eine Art Verrat an der Pflicht zur Loyalität gegenüber den Eltern erlebt. Starken Naturen gelingt das besser, wenn sie bereit sind, diese „freiwillige Selbstexklusion“ (Didier Eribon) auszuhalten, die brutaler sein kann als die Fremdexklusion der Klassengesellschaft. Da tut sich dann eine neue Kluft auf, nennen wir sie Loyalitätskluft, die über die Jahre einer Biographie beharrlich geschlossen werden will.

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