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Bildungsaufsteiger : Einmal Arbeiterkind, immer Arbeiterkind?

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Was? Wann? Wo? Die Organisation des Studienalltags kann ebenso mühsam und zeitraubend sein wie das Geldverdienen. Bild: Arbeiterkind

Wer aus einfachen Verhältnissen kommt, schafft es seltener auf eine Hochschule. Das liegt allerdings nicht nur am Geld.

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          Die Erleichterung nach der letzten Abiturprüfung währte für Lena Mädje nicht lange. Nur kurz nach der Anfangseuphorie war die Frage wieder da, die schon länger an ihr zerrte: Was soll ich denn werden? Und: Schaffe ich ein Studium überhaupt? „Ich wollte das Bestmögliche aus meinem Abschluss rausholen. Ich wusste nur nicht, wie. Denn das Bestmögliche meiner Familie war Handwerk“, sagt sie. Lenas Vater ist gelernter Elektriker, ihre Mutter Sekretärin im örtlichen Pfarramt. Die Familie lebt in Bremerhaven, dem Fleckchen Deutschlands also, in dem laut aktuellem Schuldenatlas die meisten verschuldeten Menschen leben. Jeder Fünfte in der Seestadt kann seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen. Schnell steht fest: Die Tochter soll studieren. Als Erste ihrer Familie. Von 100 Kindern aus Nichtakademikerfamilien schaffen nur 21 den Sprung an die Universität. Haben die Eltern dagegen eine Hochschulbildung, sind es 74. Dieses Ungleichgewicht liegt allerdings nicht nur an finanziellen Hindernissen.

          Lena Mädjes Geschichte kann in Deutschland hunderttausendfach erzählt werden, weiß Katja Urbatsch, Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation Arbeiterkind: „Wenn man aus einer nichtakademischen Familie kommt, muss man erst mal auf die Idee kommen, dass man überhaupt studieren kann“, sagt sie. „Viele sehen das gar nicht als Option, weil ihre Vorbilder in der Familie alle eine Ausbildung gemacht haben. Und wenn man sich dann doch dazu entschließt, kommen schnell Zweifel und Ängste. Man steht vor einem riesigen Berg.“

          Selbst aufgewachsen in einer nichtakademischen Familie, gründete sie vor zehn Jahren das Informationsnetzwerk Arbeiterkind, um Studieninteressierten den Weg an die Uni zu erleichtern. Heute beraten und begleiten mehr als 6000 Ehrenamtliche aus 75 lokalen Gruppen Studieninteressierte und informieren über Hochschulstrukturen und Wege, ein Studium zu finanzieren. Nur sechs Prozent der Studierenden bekommen Geld aus einem Stipendium oder Förderprogramm. Die meisten erhalten Unterstützung von den Eltern und stocken oftmals mit Nebenjobs oder Bafög auf. Wer die Finanzierung nicht stemmen kann, bricht ab. Studierende aus Nichtakademikerfamilien tun das überdurchschnittlich häufig. „Es gibt so eine Grundannahme, dass eine Familie ihren Nachwuchs immer ideell und finanziell unterstützen kann und auch immer ein Interesse daran hat, dass das Kind sehr weit im Bildungssystem kommt. Und unsere Erfahrung ist, dass es sehr häufig eben nicht so ist“, sagt Katja Urbatsch.

          „Ich wollte frei und ungebunden studieren“

          Auch für Lena Mädje war das fehlende Geld eine große Hürde. Ihr Bafög-Antrag wurde abgelehnt, weil das Einkommen ihrer Eltern 20 Euro über der zulässigen Grenze lag. Zuerst übernahm der Vater die Miete ihres Hamburger WG-Zimmers und stockte das Kindergeld auf 300 Euro auf. Vor zwei Jahren heiratete Lena und zog zu ihrem Mann. Der große Posten Miete fiel also weg – aber Lena lebt dennoch sparsam. Einen Studienkredit zu beantragen, das war für sie nie eine Option. „Ich wollte frei und ungebunden studieren“, sagt sie. „Ich verstehe aber jeden, der so einen Kredit notgedrungen aufnehmen muss. Es ist ja auch meistens keine freiwillige Entscheidung.“ Sie selbst aber sei froh, dieses Problem nicht zu haben. „Wenn ich wüsste, dass ich später einen guten Job finden muss, um den Schuldenberg zurückzuzahlen, das würde mich sehr belasten.“

          Melanie Müller aus Kassel hat ebenfalls kein Bafög bezogen. Etwa 50 Euro wären es gewesen, die ihr zugestanden hätten. Aber für sie waren die den bürokratischen Aufwand nicht wert. Ihr Lehramtsstudium finanzierte sie mit fünf Jobs – gleichzeitig, wohlgemerkt. Die Regelstudienzeit von zehn Semestern hat sie allerdings deutlich überschritten – und zwar auch, weil sie ihren Lebensunterhalt ganz allein bestreiten musste. „Man lernt die ganzen Leute kennen, will alles mitnehmen, nichts verpassen, man ist Anfang 20 und will natürlich Halligalli machen – aber das geht einfach nicht. Dann musst du dir einen Laptop kaufen und hast ohne Ende Kopierkosten. Es ist nicht nur das Vergnügen, das Geld kostet, sondern auch die Studienorganisation.“

          Die 33-Jährige beginnt in diesem Monat ihr Referendariat. Das Examen im vergangenen Jahr habe sie nur ablegen können, weil Freunde ihr in dieser Zeit Geld geliehen haben. Melanies Mutter ist Altenpflegerin, ihr Vater hat eine klassische Maurerausbildung absolviert. Finanzielle Unterstützung bekam sie nicht. „Für mich hieß es an 365 Tagen im Jahr: arbeiten oder lernen. Wenn sich andere auf die Semesterferien freuten, wusste ich, ich muss in der vorlesungsfreien Zeit so viel Geld verdienen, dass ich im Semester nicht mehr so viel arbeiten muss. Und das über einen längeren Zeitraum hinweg, das war irre anstrengend.“

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