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Bildung : Kein Platz für Genies

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter v. Tresckow

Wer in einzelnen Fächern Spitze ist und sich für andere nicht interessiert, fällt an den Schulen durchs Raster. Das Bildungssystem ist ganz auf den Durchschnitt fixiert.

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          In einer Folge der „Simpsons“ gibt es eine Geschichte darüber, wie das Bildungssystem mit der herausragender Begabung eines Kindes umgeht. Die Simpsons-Tochter baut im Kindergarten unglaubliche Paläste aus Holzklötzen. Allen anderen Kindern gelingen dagegen nur ziemlich erbärmliche Klotzhaufen. Die Erzieherin haut Maggies Schlösschen schließlich kaputt und sagt, man könne es den anderen Kindern wirklich nicht zumuten, dass sie ihre eigene Durchschnittlichkeit im Vergleich mit solch herausragendem Talent erkennen müssten.

          Die Frage, ob es besondere, wenn auch etwas einseitig begabte Talente an den Schulen und Hochschulen einfach haben, wurde zuletzt in einigen Büchern gestellt und mit nein beantwortet. Sie wurden nicht von Pädagogen, Didaktikern oder Praktikern des Schulsystems geschrieben, sondern von Hirnforschern und Genetikern. Sie sagen: Besonderes Talent wird in der Regel weder erkannt, noch gefördert. „Jedes Kind ist hoch begabt“, heißt das Buch des Göttinger Hirnforschers Gerald Hüther. Seine These ist, dass in unserem Schul- und Hochschulsystem konsequent der Durchschnitt gefördert werde, nicht aber die besondere Begabung.

          Wenn ein Kind zum Beispiel in einigen Fächern sehr gute Noten habe, in anderen mangelhafte, hielten es die Lehrer und Eltern dazu an, gerade für die letzteren intensiver zu lernen - um darin dann vielleicht durchschnittlich zu werden. Anstatt perfekt in den Fächern zu werden, in denen die Stärken der Schüler liegen. „Viele Kinder fallen durch diese Erbsensortieranlage, die unsere Schule geworden ist“, sagt Hüther. Begabung werde irrigerweise mit guten Schulnoten gleichgesetzt.

          Dabei müssten Begeisterung am Entdecken, Tüftler mit Leidenschaft gefördert werden. Der Begriff von spezieller Begabung, den Hüther vertritt, ist keinesfalls ein elitärer. Der alte Begriff des Genies ist hingegen extrem und ein wenig außer Mode - aber auch er oder sie fällt unter diejenigen, um die sich Gerald Hüther sorgt. Es geht um junge Leute etwa mit besonderer Phantasie und besonders originellem Denken, großem Talent für und besonderem Interesse an bestimmten Fragen. Die Psychologie, von Piaget bis Eysenck, beschreibt diese Menschen als, wie man umgangssprachlich sagen würde, „autistisch“. Womit gemeint ist, dass sie andere Themen wiederum überhaupt nicht interessieren. Das wird im Schul- und auch Universitätssystem bis hin zu den Personalabteilungen der Konzerne, die Bewerbungen immer noch nach Durchschnittsnoten filtern, systematisch bestraft.

          Alles ist auf Standardisierung geeicht

          Eine gewisse Einseitigkeit und - um sie gegen die bösen Blicke der anderen dauerhaft durchhalten zu können - auch Eigensinnigkeit gilt als Bedingung für außergewöhnliche Kreativität. Alle Gedanken wollen um die Fragen kreisen, die im Moment für den einzelnen von höchster Relevanz sind, alles andere stört und wird weggeschoben. Wie wäre es, auf einem Lichtstrahl zu reiten, fragte sich zum Beispiel der junge Einstein. Seine Lehrer und das eitle Universitätsmilieu nahm er nicht so ernst, die Noten waren lang nicht gut.

          Vieles spricht dafür, dass das gute, alte Genie nicht zu den großen Profiteuren der Post-Pisa-Bildungsreformen und der Bildungsexpansion im allgemeinen zählen wird. Alles ist auf Standardisierung, Vergleiche der Durchschnittsnoten von Klassen, Schulen, Bundesländern geeicht. Gerald Hüthers Forderungen, Begeisterung und Tüftler zu fördern, das Genie in jedem zu entdecken, klingt für professionelle Lehrer irritierend und weltfremd und wird meist nicht ernsthaft beachtet. Der Anspruch muss die Lehrer auch überfordern, da sie sechsmal am Tag mit einer lärmenden Gruppe von 30 ganz unterschiedlichen Schülern zu tun haben. So geht es an den Schulen, spätestens seit den ersten Pisa-Tests, immer mehr darum, Rechen-, Lese- oder andere Kompetenzen von Schulen oder Bundesländern anzuheben. Es geht um die Gruppe, nicht um besondere Einzelleistungen.

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