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Chancen von Germanisten : Für so etwas wollen Sie Geld von uns?

Sebastian Guggolz in seinem kleinen Laden in Berlin-Schönefeld. Bild: Lüdecke, Matthias

Was wird man als Germanist, wenn nicht Lehrer? Zum Beispiel Verleger. Sebastian Guggolz hat in Berlin den Schritt in die harte Buchbranche gewagt - voller Zuversicht.

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          Irgendwann wird der Tag gekommen sein. Dann wird Sebastian Guggolz morgens in die S-Bahn steigen, sich durch die Pendlermenge schieben, auf einen Sitzplatz fallen lassen und ihm in die Augen schauen. Seinem Leser. Der Leser wird nicht ahnen, dass sich Guggolz für das Buch, das der Leser in Händen hält, verschuldet hat, Wochen nach einem Übersetzer suchte und sehnsüchtig auf den Karton mit den ersten Exemplaren wartete. Der Leser wird bestenfalls denken: schönes Buch, gute Geschichte. Aber mehr will Sebastian Guggolz auch gar nicht. Wenn dieser Tag gekommen ist, wird er in Berlin-Schöneberg, wo sein Verlag ein kleines Ladenlokal hat, mit einem Grinsen aus der S-Bahn steigen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Guggolz lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Tag kommen wird. In zwei Monaten, in einem halben Jahr oder in fünf. Egal. Guggolz hat Zeit, er ist gerade einmal 32 Jahre alt. Er ist so entspannt, wie es nur jemand sein kann, der sehr von etwas überzeugt ist. Die Autoren, mit denen er als Verleger arbeitet, lassen sich sowieso nicht hetzen. Es bringt nichts, sie an Abgabetermine zu erinnern oder für einen neuen Text zu motivieren. Denn Guggolz’ Autoren sind tot. Der Verleger muss mit dem arbeiten, was sie hinterlassen haben. Dabei stößt er oft auf Unerwartetes. Guggolz fühlt sich manchmal wie ein Schatzsucher.

          Von den beiden Büchern, die er für sein erstes Programm herausgebracht hat, den Romanen „Frommes Elend“ von Frans Eemil Sillanpää und „Zwei Seelen“ von Maxim Harezki, spricht er begeistert, immer wieder springt er auf. „Diesen Text, den gab es bislang nur in einer Übersetzung, die längst vergriffen ist. Dabei ist das so eine tolle Geschichte. Unfassbar, oder?“ Unfassbar, das Wagnis einzugehen, den Text abermals ins Deutsche übertragen, 2000 Exemplare drucken zu lassen und davon auszugehen, Buchhandlungen würden den Roman eines weitgehend unbekannten finnischen Autors über das Leben eines Bauern in der eisigen Provinz tatsächlich in ihre Schaufenster stellen. „Sie machten es!“

          Rettung an so manchem tristen Tag

          Guggolz klingt selbst überrascht. Wobei ihm der Zufall in die Hände spielte. Finnland war vergangenes Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse, und alle Buchhandlungen landauf, landab nahmen plötzlich finnische Autoren ins Sortiment. So auch Dussmann, einer der größten Berliner Buchverkäufer. Das Haus hatte schon ungewöhnlich viele von Guggolz’ Büchern bestellt, dass hatte ihm seine Vertreterin bereits gesagt. Dann schickte ihm eines Nachmittags ein Freund ein Bild vom Schaufenster. Da stand es nun: grauer Einband, gelbe Schrift. Sein Buch. Guggolz fuhr sofort in die Innenstadt. Wie ein kleiner Junge drückte er sich am Schaufenster die Nase platt.

          Es sind solch kleine Erfolgserlebnisse, mit denen er sich über so manchen tristen Kleinverlegertag rettet. Denn die Arbeit ist schön, aber nicht immer leicht. Das war schon so im Sommer 2013, als Guggolz beschloss, sich selbständig zu machen. Bis dahin hatte er sechs Jahre bei dem Berliner Verlag Matthes & Seitz gearbeitet. Der war einst auch ganz klein gestartet, Guggolz war dabei. Er packte Bücher in Kisten, schrieb Pressemitteilungen und betreute Autoren. Vom Praktikanten zum Lektor, seine Stellen hat sich Guggolz in dem überschaubaren Verlag immer selbst geschaffen.

          Das hatte seinen Charme und passte zu der Gründeratmosphäre in der Hauptstadt zu Anfang des Jahrtausends. Und es passte zu Sebastian Guggolz. Er hatte schon früher das gemacht, was ihm Freude bereitete, er sich aber eigentlich gar nicht leisten konnte. Zum Beispiel Kunstgeschichte und Germanistik zu studieren. Gedanken, was er mit dieser Fächerkombination beruflich einmal machen soll, hat er sich nach eigener Aussage erst gar nicht gemacht. Das war vielleicht auch besser so. Taxifahrer? Museumspädagoge? Als Germanist konnte man alles werden - und nichts. Irgendwie würde er schon Geld verdienen. Er überlegte, zu promovieren, da kam das Angebot für ein Verlagspraktikum.

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