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Numerus Clausus : Genug studiert!

  • -Aktualisiert am

Masse statt Klasse: Zum Semesterbeginn drängeln sich wieder tausende Studenten in die Hörsäle, wie hier an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Bild: Francois Klein

An Berliner Hochschulen gibt es bundesweit die höchste Quote an zulassungsbeschränkten Studienfächern. Sollte der Numerus Clausus deswegen abgeschafft werden?

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          Sobald es um die Verfasstheit unseres Bildungsstandorts geht, ist der Jubel groß, wenn wieder einmal eine Rekordzahl vermeldet wird. Mehr Abiturienten, mehr Studenten, mehr Projektanträge – immer höher, weiter, digitaler: Der Bildungsaufstieg ist schier unbegrenzt und jedem hochwillkommen, der Quantität mit Qualität gleichsetzt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und das von ihr geprägte Bildungsumfeld freuen sich und kämen im Traum nicht darauf, über die Grenzen des Wachstums nachzudenken, die schon seit langer Zeit nicht nur klimapolitisch gefordert sind.

          Einen „traurigen Spitzenplatz“ vermeldete dagegen die „Berliner Zeitung“. 67 Prozent aller Studiengänge seien an Berliner Hochschulen zulassungsbeschränkt. Nirgendwo sonst in Deutschland seien so viele Fächer mit einem Numerus Clausus (NC) belegt. Was aber, mag selbst der wachstumshörigste Bildungsbeobachter rätseln, ist ausgerechnet daran traurig? Es ist ein Zeichen von Anspruch und Qualität, wenn die Messlatte hoch gesetzt wird – und im Berliner Fall eine Reaktion auf die schwindelerregend hohe Nachfrage an Studienplätzen.

          Inklusion statt Exklusion, so lautet die Devise

          Die Berliner Senatskanzlei für Wissenschaft und Forschung rechnet in diesem Wintersemester mit 195 000 eingeschriebenen Studenten, rund sechzigtausend mehr als vor dreißig Jahren. Die Hochschulen platzen schon jetzt aus allen Nähten, doch unverdrossen tönt es aus fast allen Parteien, es gebe zu wenig Studienplätze (Grüne), der NC sei problematisch (CDU) oder gehöre gleich ganz abgeschafft (Linke).

          Eben noch gierten in der Hochschul- und Wissenschaftspolitik alle nach „Exzellenz“. Was aber soll das sein, wenn schon der NC als unzumutbare Bürde aufgefasst wird? Die Gleichheitsideologen haben darauf eine einfache Antwort: Exzellenz muss alle einschließen! Inklusion statt Exklusion, lautet die Devise, die im Sinne einer falsch verstandenen Gerechtigkeit jede Leistung gleich gut machen soll. Wie gleich es denn überhaupt noch zugehen kann, wenn die wachsende Zahl an Abiturienten mit einer Inflation von Bestnoten einhergeht, obwohl ihre Leistungen immer schlechter werden, ist in dieser fehlgeleiteten Klage nicht einmal berücksichtigt – zu schweigen von den explodierenden Kosten, die eine radikale Öffnung der Hochschulen zur Folge hätte, wie die Berliner SPD zu Recht entgegnet.

          Schon melden sich die selbsterklärten Kämpfer für soziale Gerechtigkeit zu Wort, die Situation der abgewiesenen Möchtegern-Studenten sei jener der Mieter im prekären Wohnungsmarkt vergleichbar. Sie übersehen, dass die Hürde des Numerus Clausus keine soziale Frage ist, sondern eine der Leistungen und Fähigkeiten. Wie tief muss das Niveau an Schulen und Hochschulen noch sinken, bevor die bildungspolitischen Entscheidungsträger endlich umdenken?

          Wir brauchen nicht noch mehr Studenten, die an den Universitäten nichts verloren haben. Wir brauchen Lehrlinge und Auszubildende, um etwas gegen den verheerenden Nachwuchsmangel in den Betrieben zu tun. Deren Berufsabschlüsse gilt es aufzuwerten – und nicht umgekehrt das Studium durch eine unqualifizierte Masseninvasion abzuwerten.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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