https://www.faz.net/-gyl-9nrnt

Begabtenförderung für Muslime : Studieren mit Allah

Eine Minderheit in Deutschland: Studierende muslimischen Glaubens. Bild: dpa

Begabtenförderung für Muslime gab es lange nicht. Dann schloss Avicenna die Lücke. Wie arbeitet dieses Studienwerk – und wen fördert es?

          5 Min.

          Wenn Kaafi Sheikh über den Koran spricht, passiert etwas mit ihm: Seine Augen leuchten, die Hände fliegen immer wieder durch die Luft, um zu unterstreichen, was er sagt, und er lächelt. Hat er vorher manchmal unsicher zur Seite geschaut oder die Auflistung seiner Erfolge mit einem schüchternen Lachen begleitet, wird er plötzlich ganz frei und sicher, wenn es um die Schönheit der arabischen Sprache und die Verse in diesem Buch geht.

          Sheikh ist gläubiger Muslim und studiert an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Medizin im sechsten Semester. Viele seiner Kommilitonen sind Muslime. Manche beten, so wie er, mehrmals am Tag, wenn sie es schaffen. Manche halten mit ihm Ramadan. Fast alle von ihnen haben einen Migrationshintergrund, dieses Wort, das Sheikh schon fast nervt. Er ist in Ludwigsburg geboren, wuchs in Offenbach am Main auf, seine Eltern waren vor dem Krieg zwischen Somalia und Ogaden geflohen. Deutschland ist vielleicht nicht seine Heimat, sagt er. Aber es ist sein Zuhause. Die meisten mit einem Migrationshintergrund verstehen das. Sheikhs Situation ist trotzdem besonders: Jeden Monat erhält er Unterstützung vom muslimischen Studienwerk Avicenna, das seinen Sitz in Berlin und eine Geschäftsstelle in Osnabrück hat. Es finanziert das Studium von etwa 450 besonders begabten jungen Menschen in Deutschland und ist das jüngste in der Exzellenzförderung im Land. Wer gefördert wird, erhält – je nachdem, was die Eltern verdienen – bis zu 1000 Euro im Monat. Hinzu kommen Förderkurse.

          Die Idee für Avicenna wurde im Jahr 2010 geboren. Beschir Hussain und Matthias Meyer – zwei Studenten, einer davon Muslim – fanden, dass es auch eine Begabtenförderung speziell für Muslime geben sollte. Konfessionelle Studienwerke anderer Religionsgemeinschaften gab es schließlich schon. Die beiden waren selbst Stipendiaten von renommierten Begabtenförderwerken. Bülent Uçar, Professor für Islamische Religionspädagogik in Osnabrück, unterstützte die beiden. Mittlerweile haben sich viele weitere Professoren und Personen wie der Grünen-Politiker Cem Özdemir oder Integrationsministerin Aydan Özoguz eingereiht.

          650 Bewerbungen im ersten Jahr

          Im Jahr 2012 wurde Avicenna als Verein gegründet, ein Jahr später erkannte das Bundesbildungsministerium das Studienwerk als eines der nun dreizehn Begabtenförderwerke in Deutschland an. Es finanziert zum Großteil auch die Stipendien, die Avicenna seit 2014 vergibt. Die Mercatorstiftung mit Sitz in Essen unterstütze das Werk außerdem mit einer Million Euro für den Aufbau. Auch ein paar Privatspenden gingen ein, Höhe und Anzahl sind jedoch sehr gering.

          Das ist gut so. Findet zumindest Hakan Tosuner, der die Geschäfte von Avicenna führt. Zwar ist das Förderwerk mit Vertretern aller islamischen Glaubensrichtungen vernetzt und steht im Dialog mit vielen muslimischen Einrichtungen, doch es fließt kein Geld. Das habe Vorteile – denn Avicenna will nicht, dass Einfluss auf die Auswahl der Stipendiaten oder die Inhalte der ideellen Förderung genommen wird. Da die Strömungen im Islam recht unterschiedlich sind, könnte das sonst zu Konkurrenzkämpfen führen. So hält das Werk zu allen die gleiche Distanz. „Wir haben eine muslimische Pluralität, die es woanders nicht gibt“, sagt Tosuner.

          Das Konzept geht auf. Im ersten Jahr bekam das Werk 650 Bewerbungen, 65 Studenten wurden aufgenommen. „Ohne Engagement geht gar nichts“, sagt Tosuner. Wer ein Stipendium möchte, muss herausragende Leistungen vorweisen, gesellschaftlich aktiv sein und sich mit dem Islam intensiv auseinandersetzen wollen. Die religiöse Praxis und Gesinnung werde nicht abgefragt, aber es solle eine positive Grundeinstellung zum Islam geben. Fast alle Stipendiaten sind Muslime – Sunniten, Schiiten, aber zum Beispiel auch Aleviten – und haben einen Migrationshintergrund. Aber die wissenschaftliche Exzellenz steht laut Tosuner im Vordergrund: „Wir sind kein Integrationsverein.“

          Studium mit Topnoten, Ehrenamt, fester Glaube

          Integriert werden musste Kaafi Sheikh, der Vorträge über den Koran hält, im Studienwerk kräftig mitorganisiert und einen externen Verein gegründet hat, der Schüler für das Abitur motivieren soll, ebenso wenig wie Amina Ljajic. Sie ist im Main-Taunus-Kreis aufgewachsen, ihr Vater ist Serbe, ihre Mutter kommt aus Bosnien. Ljajic ist 21 Jahre alt und das, was man ehrgeizig nennt. Das Deutsch der Avicenna-Stipendiatin ist perfekt. Ihre Bachelorarbeit in Soziologie an der Universität Frankfurt schreibt sie gerade über den Einfluss von sozialen Medien auf die Jugend. Wenn sie nicht gerade im Seniorenzentrum Nachhilfe für Ältere zur Nutzung von Handys gibt oder an Obdachlose Essen verteilt, kann man sie am Campus Riedberg in einer Vorlesung zur Quantenphysik treffen. „Ein Hobby“, sagt sie und lächelt etwas verschämt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Märsche für die Freiheit“ : Barcelona im Ausnahmezustand

          Die Proteste gegen das Urteil im Separatistenprozess legen die Stadt und weite Teile Kataloniens lahm. Die „Sagrada familia“ wurde geschlossen, dutzende Flüge abgesagt – und eines der wichtigsten Fußballspiele Spaniens verschoben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.