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Begabtenförderung für Muslime : Studieren mit Allah

Mehrmals am Tag geht sie auf dem Campus in das sogenannte „Haus der Stille“ oder einfach zwischen die Bücherregale in der Bibliothek und betet. „Ich bin froh, wenn ich es fünfmal am Tag schaffe“, sagt sie. Ihr dunkles Haar trägt sie offen. Und es stört sie auch nicht, wenn Männer durch die Bibliothek laufen, in der sie betet. „Die Religion ist ein wichtiger Teil in meinem Alltag“, sagt sie. Deshalb hat sie sich auch nur bei Avicenna um eine Förderung beworben. Die Seminare und die Möglichkeit, sich mit anderen Muslimen auszutauschen, waren ihr besonders wichtig.

Studium mit Topnoten, Ehrenamt, fester Glaube – „Überflieger“ ist das Wort, das einem in den Sinn kommt, wenn man Stipendiaten von Avicenna trifft. Wie kriegt man das alles unter einen Hut? „Die Kapazität ist schon ausgeschöpft“, sagt Kaafi Sheikh. Doch alles zu geben, das passt zum Selbstverständnis: „Das Stipendium ist ein Privileg. Damit muss man verantwortungsvoll umgehen und sich anstrengen“, sagt Ljajic. Als gläubige Muslime, sagt sie, sollten sie ihre Fähigkeiten für die Gesellschaft nutzen und ihr etwas zurückgeben.

Die Opferrolle ist unerwünscht

Und, im Idealfall, auch der muslimischen Community. Denn die ist in Deutschland eine Minderheit, die immer wieder Anfeindungen ausgesetzt ist. Viele junge Wissenschaftler sind nicht gut untereinander vernetzt, trauen sich angesichts bestehender Ressentiments vielleicht auch nicht, engen Austausch zu pflegen. Auch in sich ist die muslimische Community oft uneins. Darum will Avicenna den talentiertesten jungen Muslimen die Möglichkeit geben, sich zu vernetzen, sich weiterzuentwickeln und sich auf Diskussionen und Auseinandersetzungen vorzubereiten. In den Seminaren setzen sie sich mit Glaubensrichtung, Praktiken oder theologischen Fragen auseinander, auch gemeinsame Veranstaltungen mit den christlichen und jüdischen Studienwerken und denen der politischen Parteien gibt es öfter.

Weder Amina Ljajic noch Kaafi Sheikh wollen in der Diskussion um den Islam eine Opferrolle für ihre Religion. „Ich will Verantwortung übernehmen und meinen eigenen Weg umsetzen“, sagt der Medizinstudent. Er wünscht sich, dass beide Seiten die Angst voreinander verlieren. Denn die gebe es: „Die Muslime haben Angst, dass sie ihren Glauben verlieren, wenn sie einen Schritt auf die Mehrheitsgesellschaft zugehen – und die wiederum denkt, dass sie dann ihre Identität verliert.“

Vielleicht hilft das, Gräben zu überwinden. Viele fragen aber: Warum sollten gläubige Menschen überhaupt gefördert werden? Gegner von konfessionellen Förderwerken wenden ein, dass nicht gläubige Studenten benachteiligt würden. Denn die Steuern, mit denen das Bildungsministerium die Förderprogramme finanziert, werden von allen Bürgern entrichtet. Hakan Tosuner sagt dazu: „Der Glaube spielt in der Gesellschaft noch immer eine wichtige Rolle. Gläubige bringen sich ein und sind aktiv. Ich sehe den Glauben als Chance.“

Brücken bauen als Ziel

So war es irgendwie auch bei Kaafi Sheikh. Obwohl er muslimisch erzogen worden war, hatte ihn der Glaube als Jugendlicher nie tief berührt. Als seine Religion mit dem Terror des „Islamischen Staats“ plötzlich immer mehr in den Fokus von Medien und Umfeld rückte, fing er an, sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Er fragte sich, ob er sich mit der Lehre noch identifizieren könne – und entdeckte seine Leidenschaft für den Koran und ein Verständnis des Islams, das auf Dankbarkeit und Güte fußt. Bevor er zu Avicenna kam, hatte er sich noch nicht viel ehrenamtlich engagiert. Aber die Beispiele, die ihm dort vorgelebt wurden, inspirierten ihn, wie er sagt.

Passt wunderbar – Verständnis, Engagement und Demokratie vorleben, das soll Avicenna nach den Worten von Hakan Tosuner. Und es soll Brücken bauen. Denn Muslime sollten sich überall einbringen können, auch im nichtmuslimischen Teil der Gesellschaft. „Wir wollen keine Avicenna-Blase“, sagt er. Nur eine gleichberechtigte Plattform, die mit muslimischer Perspektive auf die Dinge sieht.

Deutsche Begabtenförderungswerke

Avicenna Studienwerk Richtet sich an leistungsstarke und engagierte muslimische Studierende.

Cusanuswerk Bischöfliche Studienförderung der katholischen Kirche.

Ernst Ludwik Ehrlich Studienwerk Förderungswerk der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.

Evangelisches Studienwerk Förderungswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland.

Stiftung der Deutschen Wirtschaft Wird von Unternehmern und Arbeitgeberverbänden getragen.

Friedrich Ebert Stiftung Älteste politische Stiftung in Deutschland, SPD-nah.

Friedrich Naumann Stiftung Parteinahe Stiftung ( FDP)

Hanns Seidel Stiftung Parteinahe Stiftung (CSU)

Konrad Adenauer Stiftung Parteinahe Stiftung (CDU)

Heinrich Böll Stiftung Parteinahe Stiftung (Bündnis 90/Die Grünen).

Rosa Luxemburg Stiftung Parteinahe Stiftung (Die Linke)

Hans Böckler Stiftung Förderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Studienstiftung des deutschen Volkes Politisch, konfessionell und weltanschaulich unabhängig

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