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Arbeitsverträge in der Wissenschaft : Befristet, nicht beschränkt

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Die Zahl der Dauerstellen ist dagegen gesunken. Klagt die aktuelle arrivierte Professorengeneration, die Karriere in der Wissenschaft sei auch früher schon schwierig gewesen, dann kennt sie einfach die Zahlen nicht. Zehntausende der aktuellen Wissenschaftler können nicht damit rechnen, eine Festanstellung in der Wissenschaft zu erhalten. Was wäre also zu tun? Es ist notwendig, die Entscheidung über einen dauerhaften Verbleib in der Wissenschaft um zehn Jahre vorzuverlegen: Sie soll bei den Beschäftigten Mitte dreißig fallen. Das fordert nun auch der Wissenschaftsrat - und verlangt zusätzlich mehr Transparenz bei den Karrierewegen. Das heißt auch, dass nach der Promotion nicht mehr eine beliebig große Zahl an Individuen ins Rennen um die Professur geschickt werden darf.

Wie Universitätskarrieren unattraktiver werden

Der Grund für diese Forderung ist, dass die aktuellen Karriereverläufe längst keinen Wettbewerb um die besten Köpfe schaffen, sondern die allerbesten Köpfe vergraulen. So schreibt beispielsweise die Expertenkommission Innovation und Forschung, eingesetzt von der Bundesregierung, in ihrem Jahresbericht 2014 für die Medizin: „Unter den bestehenden Gegebenheiten droht Deutschland bei der Anwerbung qualifizierter und motivierter Forscher zurückzufallen und selbst die besten Talente zu verlieren.“ Auch in anderen Disziplinen, etwa den Rechtswissenschaften, zeichnet sich ab, dass die stärksten Absolventen die Universitätskarriere nicht mehr als attraktive Option ins Auge fassen. Auf dem Spiel steht die Innovationsfähigkeit der bundesdeutschen Forschung.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist deshalb für bloße Lockerungen des Wissenschaftszeitvertrages. Sie will den größeren Mittelbau bewahren. Doch der Mittelbau muss schrumpfen. Dafür muss die Zahl der Professuren erhöht werden. Für eine solche Aufstockung der Professuren spricht viel. In keinem Land der Welt ist der Anteil der Professoren unter dem Wissenschaftspersonal so gering wie in Deutschland; er liegt bei knapp zehn Prozent (in den Vereinigten Staaten: etwa 66 Prozent). Immerhin besteht abseits der GEW aktuell viel Einigkeit darüber, dass der Anteil der Professuren erhöht werden muss. Der Deutsche Hochschulverband wirbt dafür; der Wissenschaftsrat verlangt es; die Junge Akademie rechnet sogar vor, dass die Schaffung von mehr Professuren ohne Mehrkosten für den Steuerzahler möglich wäre. Davon völlig unberührt ist außerdem, dass es mehr Dauerstellen auch im Mittelbau geben sollte. Jüngst hat die Hochschulrektorenkonferenz in einem Papier, das sich ausschließlich den Karrierezielen an Universitäten unterhalb der Professur widmet, festgehalten, dass die allfälligen Daueraufgaben im Rahmen unbefristeter Arbeitsverträge erfüllt werden sollten.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz verbietet zwar die dauerhafte Beschäftigung nicht. Aber die Kanzler der deutschen Universitäten klagen zu Recht, dass die Politik ihnen einen zu kleinen Planungshorizont gewährt und sie so zu Befristungen zwingt. Die Bundespolitik sollte jetzt endlich erste Schritte wagen, den klammen Ländern unter die Arme zu greifen. Immerhin ist die Absicht ausgesprochen worden, das Kooperationsverbot aufzugeben. Doch es reicht nicht, die Grundfinanzierung der Universitäten zu verbessern. Sondern die Politik muss die Rückkehr zu stabilen Karrierestrukturen mit geeigneten Programmen flankieren. Bundesprogramme sollten nun auf den Weg gebracht werden, die sowohl den Kanzlern Finanzsicherheit geben als auch einen Mentalitätswandel einfordern: Denn längst ist der Befristungswahn ein Teil der universitären Kultur auf allen Ebenen geworden, dem man mit bloßen Gesetzesänderungen und Ermahnungen nicht beikommt.

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