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Außeruniversitäres Engagement : Liegestütze für den Lebenslauf

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter vonTresckow

Personaler interessieren sich zunehmend für die Freizeitgestaltung ihrer Bewerber. Ein spannendes Hobby kann sogar eine schlechte Note wettmachen.

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          Der Slogan, mit dem der IT-Dienstleister aus dem oberschwäbischen Weingarten um neue Mitarbeiter wirbt, klingt erst einmal nicht ungewöhnlich: „Wechseln Sie jetzt ins Top-Team!“, schreibt das mittelständische Unternehmen CHG-Meridian in einer Stellenanzeige, mit der es Buchhalter, Revisoren und Vertriebsmitarbeiter anlocken möchte. Auffällig wird das Ganze erst durch ein Foto, das zwei Eishockeyspieler in voller Montur zeigt, aufgenommen im Eingangsbereich der Firmenzentrale. „Voller Körpereinsatz, das Tor im Visier, der eigenen Stärke bewusst und voll konzentriert, so lieben wir Sportler, so lieben wir den Sport“, heißt es in der Unternehmensbroschüre. Schließlich entscheide „auch im täglichen Leben der persönliche Einsatz, ob eine Sache gelingt oder nicht“. Dort, wo es um Sieg oder Niederlage gehe, „zählen Wille, Kraft, Kondition und Ausdauer“.

          Es leuchtet ein: Team- und Sportsgeist passen gut zur beruflichen Karriere. Nur haben Fußball oder Tennis hierzulande bislang nicht dieselbe Rolle gespielt wie in den Vereinigten Staaten, Australien oder England: Wer sich als Sportmuffel outet, kann es dort nur schwer zu etwas bringen. Der Trend scheint langsam in Deutschland anzukommen. Während die großen Begabtenförderwerke schon immer auf außerschulische und außeruniversitäre Fähigkeiten und Talente bei der Auswahl ihrer Kandidaten geachtet haben, tun dies jetzt auch verstärkt die Personalabteilungen: Sie wollen wissen, was ein Bewerber neben den harten Qualifikationen sonst noch zu bieten hat. „Das hat einen viel höheren Stellenwert bekommen als früher, es ist deshalb sehr wichtig, so etwas bei der Bewerbung anzugeben“, betont die Personalleiterin von CHG-Meridian, Diana Leiherr. Ein Grund für die neue Gewichtung seien Online-Bewerbungen: Da könne man nicht mehr mit einer schicken Bewerbungsmappe auffallen, sondern müsse „mit Inhalten punkten“. Dazu zählten alle Talente und Fähigkeiten, die man persönlich entwickelt habe - auch und gerade außerhalb der Lehrpläne.

          „Die Firmen sind immer auf der Suche nach dem Besonderen“

          Der „sportliche Akzent“ für die Personalsuche sei dementsprechend ganz bewusst gewählt, betont der Kommunikations- und Marketingleiter des Mittelständlers Matthias Steybe. Auf jeder Seite der Unternehmensbroschüre springen, radeln oder surfen Mitarbeiter durchs Bild, drei Damen und ein Herr räkeln sich im achten Stock eines Besprechungsraums in Fußballtrikots. Übersetzt man die dem Sport zugeschriebenen Eigenschaften in arbeitstaugliche Werte, soll es offenbar um Zuverlässigkeit, Selbständigkeit und Verantwortung gehen, aber auch analytisches Denkvermögen, Durchsetzungsstärke, Belastbarkeit, Sorgfalt und Teamgeist lassen sich in die Bilder hineininterpretieren. Gerade in einem mittelständischen Betrieb seien solche Eigenschaften enorm wichtig, sagt Leiherr, weil die Auszubildenden und Trainees von Anfang an verantwortungsvolle Aufgaben in den einzelnen Abteilungen übernähmen. „Damit können wir dann aber auch punkten, denn das ist für die jungen Leute sehr reizvoll.“ Und sportlich seien ihre Kollegen wirklich - nicht nur auf den Prospektbildern, sondern auch in der echten Freizeit.

          Den neuen Trend, Hobbys stärker zu berücksichtigen als früher, hat auch der Berliner Karriereberater Jürgen Hesse beobachtet. „Die Firmen sind immer auf der Suche nach dem Besonderen. Da Schul- und Hochschulnoten aber keine klaren Aussagen mehr bieten und deren Stellenwert nicht mehr richtig einzuschätzen ist, schauen die Personaler verstärkt auf andere Dinge.“ Es sei regelrecht dumm, wenn man seine Hobbys nicht nenne und seine Talente nicht umfassend darstelle. Schließlich wolle der Personaler sich ein genaues Bild von der Persönlichkeit des Kandidaten machen. „Wer jahrelang Klavier- oder Geigenunterricht genommen, einen Segelflugschein gemacht oder Theater gespielt hat, an Wettkämpfen teilgenommen oder in Altenheimen mitgeholfen hat, der ist eben ein anderer Mensch als jemand, der in seiner Freizeit nur mit Freunden abgehangen oder vor dem Bildschirm gesessen hat“, sagt Hesse.

          Kochen, Fußball spielen, Freiwillige Feuerwehr

          Ein interessantes Hobby könne gar gelegentlich eine schlechte Note wettmachen. „Wenn Männer gerne kochen oder Frauen Fußball spielen, kommt das sehr gut an“, weiß Hesse. Auch wenn sich jemand jahrelang bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert, sich regelmäßig um Tiere oder Umwelt sorgt oder als Schiedsrichter im Verein pfeift, lässt das Personalerherzen höher schlagen. Entscheidend ist nicht, dass es sich um ein teures, prestigeträchtiges Hobby handelt, sondern dass man sich auch in seiner Freizeit für etwas einsetzt. „Man kann sich durch ein Hobby viel interessanter machen als mit einer Zwei in Mathe“, behauptet Hesse.

          Das gilt nicht nur für Schüler, sondern mehr noch für Studenten. Gerade weil die Bachelor-Absolventen heute erst Anfang zwanzig sind, sei es umso wichtiger, in Bewerbungen „Substanz“ anzubieten, sagt der Coach und rät zum „Aufhübschen“ der Bewerbung. Viel Zeit für Hobbys bleibe den Studenten zwar oft gar nicht, angesichts der vollgepackten Curricula. Aber es sei schon wichtig für den Personaler, zu wissen, ob jemand gut Schach spiele, Marathon laufe oder Nachhilfe gebe. „Es ist heute alles viel komplizierter, die Ansprüche sind höher geworden.“ Den Begriff der eierlegenden Wollmilchsau vermeidet der Coach zwar, aber es sei tatsächlich so, dass „größerer Output bei geringerem Input“ erwartet werde. Vielfach werde das Fundament für eine aktive Freizeitgestaltung nach wie vor im Elternhaus gelegt. „Gutbürgerliche Eltern wissen das und unterstützen ihre Kinder beim Erlernen eines Instruments oder im Sport.“ Aber auch Schulen böten meist Spielraum für zusätzliches Engagement, etwa in Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag oder in Schülerfirmen.

          Bloß kein Extremsport!

          Der Trend zu Ganztagsschulen und die Einführung von G8, des verkürzten Gymnasiums mit seinen verlängerten Schultagen bis in den Nachmittag hinein, stellten allerdings schon „ein großes Problem“ dar, sagt Christian Schläger von der Hans Lindner Stiftung im bayerischen Arnstorf. Mit ihrem Projekt „Frühaufsteher“ will die Stiftung Jugendliche schon frühzeitig in ihrer Persönlichkeitsentwicklung aktiv unterstützen und berufliche Orientierung geben. Dazu hat sie einen Katalog zusammengestellt, in dem sämtliche Vereine der Region aufgeführt sind und mit den entsprechenden Schlüsselqualifikationen beschrieben werden. So kann sich jeder das passende Hobby heraussuchen.

          Im „Kompetenzpass“ können die Jugendlichen sich die Teilnahme an den einzelnen Projekten offiziell bescheinigen lassen. Die Schüler erhalten damit ein Zertifikat, das ihnen jenseits von Schulnoten persönliche und soziale Kompetenzen nachweist. „Schülern ist oft nicht bewusst, dass es für den künftigen Arbeitgeber interessant sein könnte, Oberministrant gewesen zu sein oder Kinderschwimmkurse gegeben zu haben“, sagt Schläger. „Dabei können solche Aktivitäten zum Beispiel zeigen, dass man ein gutes Organisationstalent hat.“ Vorsicht sei allerdings geboten mit der Angabe extrem gefährlicher Hobbys, die ein hohes Verletzungsrisiko bergen: Personalchefs dürfte das zwar durchaus interessieren - ob es zum Vorteil des Kandidaten gereiche, sei aber eine andere Frage.

          Welches Hobby?

          • Teamsportarten: Sie verbinden Spaß mit Disziplin, etwa wenn es darum geht, regelmäßig und pünktlich zum Training zu kommen. Man lernt, nicht nur gemeinsam Erfolge zu feiern, sondern auch Niederlagen einzustecken. Fairplay und Wille zum Sieg halten sich die Balance.
          • Ausdauersportarten: Hier braucht es neben Disziplin auch Eigenmotivation und Durchhaltevermögen. Daneben sind Taktik und strategisches Denken, etwa im Tennis, sehr wichtig.
          • Tanz, Theater, Musik: Darstellerische Hobbys machen selbstbewusst und schulen mimisch wie rhetorisch. Man braucht Disziplin und lernt, vor größerem Publikum aufzutreten. „Wenn Männer gerne kochen oder Frauen Fußball spielen, kommt das gut an.“ Jürgen Hesse, Coach

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