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Auslaufende Studiengänge : Letzte Chance für den Abschluss

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter v. Tresckow

Tausende Altstudenten bemühen sich um ihren Diplom- oder Magisterabschluss. Ihnen rennt die Zeit davon. Doch die Unis bleiben hart, manche drohen mit dem Rausschmiss.

          5 Min.

          Alena Dobler hat aufgegeben. „Ich konnte nicht mehr“, sagt die 31-Jährige. Sie studierte im 15. Semester Psychologie an der Universität Bremen, fünf Prüfungen fehlten ihr noch, nur zwei bis drei Semester, dann hätte sie ihr Diplom in der Hand. Doch die Universität hatte anderes im Sinn: das Diplomstudium schnell einzustellen. Wer am 30. September nicht fertig war, wurde exmatrikuliert. Entsprechend hoch war der Druck auf die Altstudenten, die zum Teil erst 2006 ihr Studium begonnen hatten. Der Rat der Uni: Sie sollten sich auf den Bachelor-Studiengang umschreiben.

          „Schlimm war, dass die persönliche Situation nie eine Rolle gespielt hat“, sagt Dobler, die wie die anderen Betroffenen in diesem Text in Wahrheit anders heißt. „Die Fristen sind verbindlich einzuhalten und eine Verlängerung auf Antrag ist nicht möglich“, schreibt die Uni 2012 ihren Studenten, das „nicht“ ist unterstrichen. 16 Semester dauert ein Diplompsychologie-Studium durchschnittlich; die Uni rechnet anders: Die Regelstudienzeit von zehn Semestern wurde pauschal um drei sogenannte Toleranzsemester verlängert, dann war Schluss. Schicksalsschläge sind da nicht vorgesehen - ein Tumor im Unterleib etwa, wie Alena Dobler ihn hatte. Zwar hat sie Glück, er ist gutartig, doch beim Entfernen geht schief, was schiefgehen kann: Die Bandscheiben werden geschädigt, sie infiziert sich mit Krankenhauskeimen. Es folgen Rehas, am Ende fehlt sie 5 von 15 Semestern.

          Dobler gibt nach: „Ich hatte nicht mehr die Kraft und die Finanzen, das durchzustehen.“ Sie schreibt sich um, wie knapp 50 andere Psychologen. Ihre Bilanz? Die Uni lasse sie im Regen stehen: „Uns steht kein geregelter Weg zur Anrechnung unserer Scheine zur Verfügung, und wir haben keinen Ansprechpartner.“ Nun sitzt sie im Hörsaal neben 19-Jährigen, ist wieder Bachelorstudentin im zweiten Semester.

          Das Nebeneinander funktionierte nur eine Zeit lang gut

          Eingeführt wurden Bachelor und Master mit dem europäischen Bologna-Prozess, der bis 2010 international vergleichbare Studienabschlüsse schaffen sollte. Schon seit vielen Jahren sind Magister- und Diplomstudiengänge daher ein Auslaufmodell, die meisten Hochschulen nehmen hier keine Studenten mehr auf. Während das Nebeneinander von alten und neuen Abschlüssen lange Zeit leidlich funktionierte, reißt nun immer mehr Unis der Geduldsfaden: Magister- und Diplomstudenten sind solche auf Abruf.

          Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, kennt das Problem. Ihm zufolge liegt es nicht nur am guten Willen, Studierenden mit großzügigen Regelungen entgegenzukommen. Die Parallelführung von alten und neuen Studiengängen sei auf Dauer schlicht nicht zu leisten. „Dazu fehlen Geld und Personal. Die Hochschulen müssen gerade jetzt einer Rekordzahl von Studierenden ein gutes Studium ermöglichen, da ist die Finanzdecke zum Zerreißen gespannt.“ Altstudenten müssten zügig studieren und sich Rat holen. Von seinen Kollegen erwartet der oberste Hochschulrepräsentant, „dass die Studierenden ausreichend und frühzeitig informiert werden und dass in Problemfällen eine individuelle Beratung stattfindet“, so Hippler. Gleichzeitig müssten für Härtefälle „individuelle Lösungen gefunden werden.“

          Ob das immer versucht wird, ist fraglich. Von individuellen Lösungen hält man etwa an der Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften der Universität Stuttgart nichts. „Die Fristen sind seit 2007 bekannt, die Studierenden hatten sechs Jahre Zeit, sich darauf einzustellen“, sagt Studiendekan Markus Friedrich. Diplomanden hätten schon vor Jahren in den Bachelor wechseln können, erworbene Scheine würden angerechnet. „Wir warten alle sehnsüchtig darauf, dass der Übergang endet.“ 13 Semester Höchststudienzeit räumt die Fakultät den Altstudenten ein. 422 Diplomanden müssen am 31. März 2014 ihr Studium beendet haben, jedoch konnten erst 146 die Diplomarbeit anmelden. Alle anderen werden es nicht rechtzeitig schaffen.

          Zu ihnen gehört Beate Sutter. Die 28-jährige Studentin der Umweltschutztechnik weigert sich, in den Bachelorstudiengang zu wechseln. „Ich bin zum Jahresende scheinfrei, mir fehlt nur noch ein sechswöchiges Praktikum und die Diplomarbeit“, sagt sie. „Der Bachelor ist nicht gleichwertig mit dem Diplom, und ob alle Scheine angerechnet werden, ist nicht sicher.“ Sutter hat im Wintersemester 2007 angefangen. Aufgrund einer chronischen Erkrankung musste sie vier Urlaubssemester nehmen. Sie spricht nicht gerne über diese Zeit, inzwischen geht es ihr gut. Laut Ausweis ist sie nun im neunten Fachsemester. „In spätestens anderthalb Semestern bin ich fertig, dann hätte ich 10,5 Fachsemester. Das ist kürzer als der Durchschnitt.“

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