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Ausbildung plus Studium : Erstmal was Solides

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Drastisch ist auch die Zahl der ehemaligen Azubis im Medizinstudium gestiegen. Er betrug zuletzt 51 Prozent, vor zehn Jahren waren es erst 17 Prozent gewesen. Der Grund hierfür sind die langen Warteschleifen, die angehende Medizinstudenten in Kauf nehmen müssen, wenn sie den Numerus Clausus nicht erfüllen. Die Wartezeit überbrücken sie oft mit einer Ausbildung, etwa in einem Pflegeberuf. Unter Juristen oder Geisteswissenschaftlern hingegen kommt das Modell, erst eine Ausbildung zu machen, selten vor.

Effekt auf den Studienerfolg ist umstritten

Es gibt kaum Untersuchungen darüber, ob eine Ausbildung den Studienerfolg beeinflusst. „Berufserfahrung hat einen konstant positiven Effekt“, heißt es in einer Untersuchung der Bildungssoziologin Margret Bülow-Schramm vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Universität Hamburg. Allerdings maß sie nicht den Effekt auf Studiendauer oder Noten, sondern den „Kompetenzerwerb“. „Berufspraktische oder überhaupt lebenspraktische Erfahrung“ führe zu einem erfolgreichen Studium, sagt sie. Das Gegenteil legen Zahlen des HIS nahe. Es wertete den Zusammenhang zwischen einer vorherigen Lehre und den Studiennoten und der Studiendauer für die F.A.Z. aus. Das Ergebnis: Unter den Fachhochschul-Absolventen gab es keine nennenswerten Unterschiede, und unter den Universitäts-Absolventen waren diejenigen mit vorangegangener Ausbildung sogar etwas langsamer und erzielten schlechtere Noten. Es seien aber „keine großen Unterschiede“, sagt der Bildungsforscher Kolja Briedis. Der Notendurchschnitt der vormaligen Auszubildenden war um 0,15 schlechter, das Studium dauerte im Durchschnitt ein halbes Semester länger.

Das kann auch daran liegen, dass die Studenten mit Berufserfahrung mehr nebenher arbeiten. So war es bei den Kommilitoninnen von Eva Winter, die wie sie erst eine Schneiderlehre machten, und dann Bühnenbild fürs Theater studierten. Wer zuvor schon im Beruf gearbeitet hatte, hatte Kontakte zum Theater - und bekam Anfragen für Engagements. Das Studium, sagt Eva Winter, sei ihr sehr leicht gefallen nach der harten, dreijährigen Lehre, die man - anders als das Studium - nicht ohne Pünktlichkeit und Disziplin durchstehen könne: „Dagegen waren die Seminararbeiten Peanuts.“

Studieren ohne Abitur

Das Modell wird seit einigen Jahren wohl auch deshalb wieder beliebter, weil es einfacher geworden ist, über den Umweg einer Berufsausbildung den Hochschulzugang zu bekommen - auch ohne schulisch erworbene Hochschulreife. Seit einem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2009 ist das in Deutschland einfacher als zuvor möglich. Meister aus Handwerksberufen haben freien Hochschulzugang, und unter bestimmten Voraussetzungen, die je nach Bundesland anders sind, können Menschen mit Berufserfahrung ein Studium beginnen, das fachlich nahe an ihrer Ausbildung ist. Einen Überblick gibt es auf der Internetseite studieren-ohne-abitur.de.

In den vergangenen Jahren gab es nach Angaben des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) einen „sprunghaften Anstieg“ der Studienanfänger ohne Abitur auf 2,3 Prozent (1997: 0,6 Prozent). Gerade Praktiker aus kleinen oder mittelständischen Unternehmen raten zu diesem Modell oder zum dualen Studium.

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