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AStA-Arbeit : Sprungbrett mit Risiko

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Wer im AStA mitwirkt, hat davon nicht immer Vorteile beim Sprung in den Beruf. Im Lebenslauf sollte der hochschulpolitische Einsatz trotzdem stehen. Denn die meisten Unternehmen schätzen engagierte Studenten.

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          Navina Engelage steht vor rund zwei Dutzend Gymnasiasten. Mit ruhiger und fester Stimme erklärt die Einunddreißigjährige ihnen die Befugnisse des Europäischen Parlaments, blickt durch ihre runde, rahmenlose Brille und klickt sich durch ihre Präsentation. Alle Augen sind auf die junge Frau gerichtet, doch ihre Aufregung hält sich in Grenzen. Engelage kümmert sich im Gesamteuropäischen Studienwerk um die politische Bildung. Wie sie ihre Informationen verständlich präsentiert und schnell einen Draht zu den Jugendlichen aufbaut, hat sie in der Uni gelernt – jedoch nicht im Studium, sondern im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA).

          An der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster organisierte sie als Referentin für Hochschul- und Sozialpolitik unter anderem die Proteste für einen freien Bildungszugang, führte viele Gespräche und vertrat die Forderungen der Studenten gegenüber der Öffentlichkeit. So trainierte sie Fähigkeiten, die ihr noch heute nützen; sie opferte für ihren Idealismus allerdings nicht nur viel Freizeit, sondern auch ein Jahr ihres Studiums. Den Gedanken, dass es ihr das Engagement später bei Bewerbungen helfen könnte, hatte sie damals noch nicht. „Nur gegenüber meinen Eltern rechtfertigte ich mich mit der potentiellen Aufwertung meines Lebenslaufs“, sagt sie selbst.

          Nur wenige zieht es in die universitären Gremien

          Dabei kann ein Engagement in der studentischen Vertretung durchaus förderlich für die Karriere sein. So jedenfalls sieht es Michael Heidelberger, der stellvertretende Vorsitzende des Fachverbands Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Studenten könnten sich im AStA Fähigkeiten aneignen, die sie in anderen Jobs oder im regulären Studium nicht mitbekämen. „Solche zusätzlichen Qualifikationen bewerten Arbeitgeber stets als positiv.“ Engagierte Akademiker könnten in den studentischen Gremien erste Schritte im politischen Umfeld machen, Lobbyarbeit betreiben, sich in Themen wie politische Bildung und Umweltschutz einarbeiten. „Für Politik, Wirtschaft, Journalismus oder Jura ist die Studierendenvertretung sicherlich eine sehr gute Schule.“

          Dennoch zieht es nur wenige in die universitären Gremien. Einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung engagieren sich gerade einmal 14 Prozent der Studenten in der Hochschulpolitik. Aktiv bringt sich nur jeder zwanzigste Student in den AStA oder das Studentenparlament ein. Zähe Debatten und Bürokratie schrecken mitunter von der inhaltlichen Arbeit ab. Am größten ist die Partizipation mit elf Prozent in den Fachschaften, da ihr Wirkungsraum näher am Studienalltag liegt. In politischen Vereinigungen wie den parteinahen Hochschulgruppen engagieren sich dagegen nur vier Prozent der Studenten. Im Senat und Konzil fällt die Partizipation am geringsten aus, wo es um vergleichsweise abstrakte Themen wie Grund- und Prüfungsordnungen geht. Nur zwei Prozent wirken hier mit.

          Der straffe Stundenplan schreckt ab

          Stephan Holthoff-Pförtner bezweifelt, dass sich daraus direkte Vorteile für den Berufseinstieg ergeben. Der ehemalige Rechtsbeistand des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl war zwischen 1969 und 1974 als Referatsleiter für Öffentlichkeitsarbeit in der Studentenvertretung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig. „Es ist vielmehr eine Frage der individuellen Reife, die durch eine solche Verantwortung gefördert werden kann“, sagt der inzwischen 61 Jahre alte Jurist. Es sei ein großer Unterschied, ob man im persönlichen Gespräch oder vor einem Plenum überzeuge oder sich überzeugen lasse. „Solch eine Streitkultur verhindert, dass junge Menschen stromlinienförmig werden.“

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