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Arbeitsmarkt : So finden Akademiker den Einstieg

  • -Aktualisiert am

Aufgepaßt beim Einstieg: Es geht nicht immer nach oben Bild: fotolia.de

Die einen machen viele Praktika. Die anderen akzeptieren befristete Verträge. Viele Wege führen in die Festanstellung.

          3 Min.

          So etwas hat Stephanie Boeker noch nie erlebt. Seit zwölf Jahren berät sie Absolventen bei ihrem Berufseinstieg. Da gab es Boomphasen und maue Zeiten. Doch derzeit erlebt sie etwas völlig Neues. "Die Absolventen sind verunsichert", sagt Boeker, die beim Bonner Zentrum für Management- und Personalberatung arbeitet. "Selbst Elitestudenten bedrängen mich mit Fragen, wissen nicht mehr, was sie wollen."

          Zum Beispiel die Absolventin, die in ihrem Anschreiben für die erste Stelle als gewünschtes Jahreseinkommen 50.000 Euro angab - viel zuviel, meint Boeker. "Wo ist Ihre Schmerzgrenze?" hat Boeker gefragt. "30.000 Euro", antwortete die Absolventin. "Und könnten Sie sich auch vorstellen, ein Praktikum zu machen für 500 Euro im Monat?" "Ja, auch", war die kleinlaute Antwort. Ein klassischer Fall. "Die Studenten wissen nicht mehr, was sie verlangen können."

          „Es geht heute um Vitamin B“

          Der Arbeitsmarkt verwirrt diejenigen, die noch nicht drin sind. Einerseits sind die Einstiegsgehälter in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hoch, andererseits wird es immer schwieriger, diese Stellen zu erlangen. "Über klassische Stellenanzeigen bekommen nur noch wenige ihren Job", sagt Boeker. "Es geht heute um Vitamin B, Empfehlungen und persönliche Kontakte." Wer die als Diplomand noch nicht hat, muß flexibel sein und andere Wege gehen. Vier Möglichkeiten gibt es: Die Erfolgreichsten erlangen einen befristeten Vertrag, andere versuchen es mit Zeitarbeit oder Selbständigkeit. Der wohl gängigste Weg sind verschiedene Praktika, die noch nach dem Abschluß fleißig aneinandergereiht werden. So bekamen die letzten Absolventenjahrgänge denn auch den Stempel "Generation Praktikum" aufgedrückt. In Italien heißt es treffender "Generazione 1000 Euro", anspielend auf die 1000 Euro, die vielen von ihnen monatlich zum Leben bleiben. Zwar bietet Bildung immer noch einen gewissen Schutz vor Arbeitslosigkeit - die Akademikerarbeitslosigkeit liegt mit unter vier Prozent sehr niedrig. Doch wenn es um unsichere Beschäftigung geht, sind Uniabsolventen nicht besser dran als ihre Freunde, die sich zu einer Lehre entschlossen haben.

          Bild: F.A.Z.

          Zeitvertrag

          Einen Boom erlebt die befristete Beschäftigung von Akademikern. Das zeigen die Absolventenbefragungen der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). Alle vier Jahre fragt die HIS unter anderem, wie die erste Beschäftigung nach dem Abschluß ausgesehen hat. Hatten vom 1989er Jahrgang noch die Hälfte der Uniabsolventen eine unbefristete Vollzeitstelle ergattert, so waren es beim 2001er Jahrgang 41 Prozent. Bei den FH-Absolventen sank der Anteil von 79 auf 64 Prozent. Gleichzeitig stiegen die befristeten Stellen. "Zeitverträge und Vertretungsstellen sind die Regel im ersten Job", sagt Personalberaterin Boeker. "Direkt eine unbefristete Stelle zu bekommen, das ist heute der Knaller."

          Zeitarbeit

          Ehemals wurde die Zeitarbeit als Notnagel abgetan für alle, die sonst nichts finden. Heute sind dort nicht nur Helfer, sondern immer mehr Akademiker zu finden. Der Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen schätzt deren Anteil unter den Leiharbeitern auf nahe 7 Prozent, 1980 waren es bloß 2,5 Prozent. Neben Ingenieuren haben auch Banker, Controller und Marketing-Fachleute gute Chancen. Es existieren spezialisierte Unternehmen wie die Frankfurter Amadeus Fire AG, die im Finanz- und Rechnungswesen vermittelt. Dort haben ein Viertel der Leiharbeiter studiert - und sie haben gute Aussichten. Im Schnitt werden sie nach zehn Monaten von einem der Betriebe, in denen sie gearbeitet haben, übernommen.

          Selbständigkeit

          Verläßliche Zahlen darüber, wie viele Absolventen sich für Selbständigkeit und freie Mitarbeit als Berufsstart entscheiden, gibt es nicht. Ein Indiz für einen starken Anstieg ergibt die HIS-Befragung: Absolventen kreuzten immer häufiger die Kategorie "Sonstiges" an, wenn sie nach ihrer ersten Beschäftigung nach dem Examen gefragt wurden. Waren es im Abschlußjahrgang 1989 noch 18 Prozent der Uniabsolventen, die sich nicht im klassischen Vollzeit- oder Teilzeitjob wiederfanden und keine zweite Ausbildung anhängten, so waren es 2001 schon 27 Prozent. Einige Branchen wie die PR oder der Journalismus stellen nicht mehr wie früher alle Mitarbeiter fest an, sondern geben Arbeit zunehmend nach außen. Solange die freie Arbeit sich auf einzelne Projekte über eine kurze Zeit beschränkt und man sich dort beweisen kann, ist Selbständigkeit eine gute Möglichkeit, sich für eine feste Anstellung zu empfehlen.

          Praktikum

          Die Zahl der bei den Arbeitsagenturen registrierten Absolventen, die sich mit einem Praktikum durchschlagen, hat sich in den letzten sechs Jahren mehr als verdoppelt. Längst haben sich Initiativen wie Fairwork gebildet, die mehr Rechte und bessere Bezahlung für Praktikanten mit Hochschulabschluß fordern. Außerdem sollen Unternehmen durch Praktika keine festen Stellen ersetzen. Die Politik ist auch schon aufgesprungen: Arbeitsminister Franz Müntefering hat angekündigt, notfalls mit gesetzlichen Mitteln dagegen vorzugehen, daß unbezahlte Praktikanten reguläre Arbeitskräfte ersetzen. Das Praktikum kann aber auch in die ersehnte Festanstellung münden. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen nutzen Praktika gezielt, um Nachwuchs zu rekrutieren.

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