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Arbeitsmarkt : Den Sport zum Beruf machen

  • -Aktualisiert am

Es muss nicht immer Fußball sein: auch sonst lässt sich mit Sport Geld verdienen Bild: Dieter Rüchel

Man muss kein Fußballprofi sein, um sein Geld mit Sport zu verdienen. Psychologen, Juristen, Marketingexperten - längst tummeln sich auch viele Akademiker auf diesem Feld.

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          „Muss es wirklich Sport sein?“ Das ist die erste Frage, die Arnulf Rücker stellt, wenn junge Menschen in sein Büro kommen und erzählen, dass sie gerne Sport studieren möchten. Rücker ist seit mehr als zwanzig Jahren Laufbahnberater am Olympiastützpunkt Hessen in Frankfurt. Er unterstützt Spitzensportler und Nachwuchsathleten in ihrer Karriereplanung für die Zeit nach und während des Sports. Sein Rat, der auch für sportlich Interessierte gilt, die keinem Auswahlteam angehören, lautet: Wer nicht gerade Sportlehrer, Trainer oder Trainingswissenschaftler werden möchte, für die ein Lehramts- oder sportwissenschaftliches Studium die Grundlage ist, sollte sich lieber etwas breiter aufstellen. Wenn es nur darum gehe, ganz generell im Sport zu arbeiten, sollte sich der Anwärter erst einmal klarmachen, was das für ihn konkret bedeute. „Im Sport sind die Zugänge sehr eng“, sagt Rücker, „auch wenn es vielfältige Nischen auf dem Arbeitsmarkt gibt, in denen es nicht darum geht, andere bei Bewegung zu unterstützen.“

          Da bestehen zum Beispiel Chancen in der Kommunikation, als Pressereferent oder in den Medien als Sportjournalist. In der Wirtschaft kann man in der Produktion von Sportartikeln, im Sponsoring oder im Vertrieb arbeiten; Stellen gibt es auch in Großvereinen und in Sportverbänden, die Manager oder Direktoren benötigen. Möglichkeiten gibt es auch in Ministerien und öffentlichen Institutionen. Auch Juristen gewännen im Sport zunehmend an Bedeutung, sagt Rücker.

          „Wer sich für Wirtschaft oder Marketing im Sport interessiert, sollte deshalb nicht nur Sportmarketing- oder -ökonomie studieren und sich damit enger aufstellen, als es der Arbeitsmarkt hergibt“, rät der Laufbahnberater. „Die meisten sportlich Aktiven sind sich gar nicht bewusst, welche Qualifikationen sie aus ihren jahrelangen Erfahrungen im Verein bereits mitbringen.“ Wer die Strukturen im Sport kenne, mache sich mit Studiengängen, die wirtschafts- oder rechtswissenschaftlich orientiert seien, unabhängiger. Auch ein Doppelstudium, ein weiteres Lehramt neben Sport oder ein Psychologiestudium seien gefragte Möglichkeiten. Ein Studium sei allerdings in jedem Fall unverzichtbar, wenn man im Sport eine „vielschichtige, herausfordernde und finanziell attraktive Aufgabe finden will“, sagt Rücker.

          Sportwissenschaft noch die richtige Wahl?

          Volker Rehm hat einen solchen Weg eingeschlagen. Der 34 Jahre alte gelernte Industriekaufmann ist auch Diplom-Betriebswirt. Als Regionalkoordinator Südhessen ist er in der Sportjugend Hessen zuständig für das Programm „Integration durch Sport“. Als Elfjähriger kam er zum Handball und sammelte Wettkampferfahrungen; als Jugendlicher wurde er Trainer und Schiedsrichter; er erwarb Trainerlizenzen und ist in seiner Freizeit bis heute als Bezirksauswahltrainer tätig. Er kennt die Strukturen des Sports und verfügt über ein breites wirtschaftliches Wissen. Beides hilft Rehm in der Vereinsarbeit, in Verhandlungen auf politischer Ebene und wenn er Fördermittel für Projekte beantragt. „Die meisten meiner Kollegen sind aber Sportwissenschaftler“, sagt Rehm.

          Ein Widerspruch ist das nicht, denn selbstverständlich sind Sportwissenschaftler in Sportorganisationen gerngesehene Mitarbeiter. Weil dort die Stellen aber rar sind, stellt sich, wer ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hat, auf dem Arbeitsmarkt breiter auf und kommt notfalls auch woanders unter. Zudem ist es möglich, sich in Sportrecht oder Sportmarketing weiterzubilden, um Spezialwissen zu erlangen. Mit etwas Geduld eröffnet sich dann vielleicht zu gegebener Zeit die Gelegenheit, eine Stelle im Sportbereich zu bekommen. Bringt man dann Erfahrung aus anderen Bereichen mit, dann könnte man sogar gegenüber Sportwissenschaftlern im Vorteil sein.

          Ist die Sportwissenschaft für sportbezogene Berufe, in denen Motorik keine oder nur eine geringe Rolle spielt, überhaupt noch die richtige Wahl? Oder ist der Betriebswirt Volker Rehm nur ein Einzelfall? Kai Viebahn, Leiter des Career Service und der Marketingabteilung der Deutschen Sporthochschule in Köln, glaubt, dass man vor allem über gute Netzwerke als Quereinsteiger im Sport landet. Allerdings sei die Ausbildung in einem Sportstudium sehr fundiert. „Sie liefert das sportliche Handwerkszeug, um komplexe Dinge nachvollziehen zu können“, erklärt Viebahn. „Auch wer an der Entwicklung eines Laufschuhs mitarbeitet, muss wissen, wie Bewegung funktioniert.“

          Rechnungswesen mit Sportbezug

          An der Deutschen Sporthochschule kann man auch Schwerpunkte wie Sportmanagement wählen. Die Studenten beschäftigten sich dann ebenso mit Rechnungswesen wie Studierende der Betriebswirtschaftslehre, sagt Viebahn, „nur eben immer mit Bezug auf den Sport“. Wer verstanden habe, wie Wirtschaft funktioniere, könne dann auch umgekehrt denken, und, falls nötig, in anderen Bereichen arbeiten. Neben den fachlichen Fähigkeiten vertieften die Studenten zudem ihre Soft Skills, die so intensiv nur in einem sportbezogenen Studiengang gefördert werden, meint Viebahn. Zu den Soft Skills gehörten Belastungsfähigkeit, Motivierbarkeit und Teamfähigkeit - Fähigkeiten, die von Arbeitgebern als sehr wichtig erachtet werden.

          Der Arbeitsmarkt im Sport ist schon jetzt so vielfältig, dass er nur schwer zu überblicken ist, zudem entwickelt er sich stetig weiter. Aus diesem Grund könnte ein sportwissenschaftliches Studium im Vergleich zu einem Medizin- oder Jurastudium eher schwammig wirken. Schließlich weiß man als Arzt oder Jurist recht genau, wohin das Studium führt. Andererseits steigt die Bedeutung von Bewegung und Gesundheit, die Vereine werden professioneller, und das Sport-Sponsoring wird wichtiger. Deshalb werden mehr Sportexperten gebraucht. Außerdem gelingt ein Studium dann am besten, wenn es aus Überzeugung und mit Engagement absolviert wird. Für viele sportbegeisterte Menschen ist ein rein theoretisches Studium aber kaum vorstellbar.

          Die 22 Jahre alte Christina Dörr hat ihren Weg gefunden. Sie studiert im dritten Semester an der Goethe-Universität in Frankfurt Sportwissenschaften und im Nebenfach Volkswirtschaftslehre. Die Studentin möchte später im Vertrieb eines Sportartikelherstellers unterkommen. Sie hat sich bewusst für das Sportstudium entschieden, obwohl sie in einer „Vereinsfamilie“ aufgewachsen ist und das Wesen des Sports als Wettkämpferin und Trainerin in der Leichtathletik genau kennt. „Ich wollte unbedingt Sport studieren, weil ich schon immer wissen wollte, wie sich der Körper beim Sport verhält; die Anatomie und gesundheitliche Aspekte interessieren mich“, erzählt Dörr. „Obwohl ich die Erfahrung im Sport habe, wusste ich davon vieles noch nicht, und VWL habe ich dazugewählt, weil ich glaube, dass es die Chancen vergrößert, um im Sport im Vertriebssektor tätig zu sein“, sagt die junge Frau.

          Breites Feld

          Wer im Sport arbeiten möchte, sollte sich Folgendes fragen: Will ich im Spitzen- oder im Breitensport arbeiten? Soll es eine Lehrtätigkeit sein oder geht es um die Betreuung von Menschen, zum Beispiel im Gesundheitssport von Vereinen und Unternehmen? Möchte ich Sportprodukte mit entwickeln oder Sportkampagnen gestalten?

          Am besten fragt man Unternehmen und Vereine direkt, welche Qualifikationen erwünscht sind. Für alle Gebiete gilt: Ein gutes Netzwerk und Erfahrungen als Wettkämpfer, Trainer, Betreuer oder Funktionär steigern die Berufschancen.

          Die zentralen Studienberatungen der Hochschulen helfen. Alle Sportstudiengänge findet man auf der Internetseite der Bundesagentur für Arbeit (www.studienwahl.de) unter dem Stichwort Sport.

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