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Karrieren von Arbeiterkindern : Maurer oder Master

Bayerische Gründlichkeit: Wo Martin Trautner herkommt, werden die besten und motiviertesten Schüler oft Facharbeiter - und nicht Studenten. Bild: Max Kesberger

Kinder aus deutschen Arbeiterfamilien besuchen selten eine Hochschule. Akademikerkinder haben eine viel höhere Chance, studieren zu gehen. Aber wie schlimm ist das eigentlich?

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          Eine Gruppe von der Studienstiftung geförderter Doktoranden sitzt an Silvester um einen Tisch: Silberbesteck, gute Tischmanieren, und nach dem Essen schlägt der Gastgeber vor, mehrstimmig vom Blatt zu singen. Daniela Mehler ist damals eine von ihnen. „In solchen Situationen merke ich, dass ich aus einer anderen kulturellen Welt komme“, sagt die 31 Jahre alte Universitätsmitarbeiterin heute. Im Wohnzimmer-Bücherregal ihres Elternhauses standen Johannes Mario Simmel und Dan Brown statt Goethe oder Thomas Mann. Ins Theater ging Daniela Mehler nur mit der Schulklasse, die Oper lernte sie erst mit Mitte zwanzig kennen. In ihrer Familie war sie die Erste, die Abitur gemacht hat. Ihre Eltern haben Sekretärin und Setzer gelernt. Der Weg zu Abitur, Studium und Promotion war nicht leicht für sie. Denn obwohl sie Klassenbeste war, bekam sie bloß eine Realschulempfehlung. Und der folgten ihre Eltern.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Tatsächlich bestehen Eltern, die selbst kein Abitur haben, bei anderslautenden Empfehlungen seltener darauf, dass ihre Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Dann sind die Weichen erst einmal gestellt, selbst wenn die Empfehlung nicht gerechtfertigt war. Das ist ein Problem, denn: Arbeiterkinder bekommen trotz guter Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung als Kinder studierter Eltern, die in ihrem bildungsbürgerlichen Habitus dem der Lehrer ähneln. In einer vom Bildungsministerium im Jahr 2010 herausgegebenen Studie heißt es dazu: „Noch immer haben Jugendliche aus der Oberschicht ungefähr dreimal so hohe Chancen, ein Gymnasium anstelle einer Realschule zu besuchen, wie Jugendliche aus Arbeiterfamilien - und zwar auch dann, wenn man nur Schülerinnen und Schüler mit gleicher Begabung und gleichen Fachleistungen vergleicht.“ Ähnliches gilt auch für Kinder mit Migrationshintergrund. Das heißt: Bildungschancen sind in Deutschland zutiefst ungerecht verteilt.

          Weil sie das am eigenen Leib erfahren haben, sitzen Daniela Mehler und rund 15 andere junge Leute an einem Dienstagabend im Mai in großer Runde in einem Café im Frankfurter Studentenviertel Bockenheim. Sie alle kommen aus nichtakademischen Elternhäusern. Auf dem Reservierungsschildchen steht „19 Uhr: Arbeiterkind“. Das Netzwerk „Arbeiterkind.de“ will junge Menschen ermutigen zu studieren, Hilfestellung anbieten bei Fragen wie: Kann ich das überhaupt schaffen? Wie soll ich das nur finanzieren? Oder auch: Was soll ich studieren? In ganz Deutschland treffen sich Regionalgruppen des Netzwerks bei Stammtischen. Was im Jahr 2008 als kleine Gruppe Gleichgesinnter in Berlin begann, ist heute ein deutschlandweites - und preisgekröntes - Netzwerk von fast 6000 Ehrenamtlichen in 70 lokalen Gruppen mit Infotelefon und Presseabteilung. Gegründet hat es Katja Urbatsch, eine Doktorandin in Gießen. Sie hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Es heißt „Ausgebremst - Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt.“

          77 von 100 Akademikerkindern studieren

          Von 100 Akademikerkindern in Deutschland studieren 77, von 100 Nichtakademikerkindern nur 23, steht auf der Internetseite „Arbeiterkind.de“. Die Zahlen stammen von der OECD. Und die gibt Deutschland schlechte Noten, wenn es um Gerechtigkeit in der Bildung geht. „Gerade für Schüler aus sozial schwachen Familien bleibt das Versprechen ,Aufstieg durch Bildung‘ häufig in weiter Ferne“, sagte Heino von Meyer, Leiter des „OECD Berlin Centre“, bei der Vorstellung des OECD-Bildungsberichts 2014 in Berlin. Die Bildungsmobilität sei hier so gering wie in kaum einem anderen OECD-Land. Hinter den Daten verbirgt sich nicht nur ein Schulsystem, das Arbeiterkindern den Aufstieg durch Bildung erschwert, sondern auch die simple Tatsache, dass Kinder oft etwas Ähnliches machen wie ihre Eltern. Aber ist das automatisch etwas Schlechtes?

          Hans Bertram, emeritierter Professor für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität Berlin, glaubt das nicht. In den vergangenen 50 Jahren habe sich das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern enorm verbessert, sie seien heute oftmals Vorbilder - und das sei doch eigentlich gut. Martin Trautner würde ihm da nicht widersprechen. Sein Vater, Elektromeister, belesen und begeisterungsfähig, sei immer sein Vorbild gewesen. Mit elf Jahren durfte Trautner ihn auf die Baustelle begleiten und ihm helfen. Mit 15 begann er nach dem Hauptschulabschluss die Maurerausbildung. Später holte er den Realschulabschluss an der Abendschule nach und besuchte dann die Meisterschule. „Der springende Punkt ist die Wertschätzung“, sagt der muskulöse, tätowierte Mann mit den raspelkurzen Haaren.

          Als Maurermeister und Polier verdient er mit Anfang 30 brutto 4000 Euro im Monat und überwacht auf der Baustelle, dass die Pläne des Architekten richtig umgesetzt werden. Ein verantwortungsvoller Job mit einem guten Gehalt. In seinem 300-Seelen-Heimatdorf Gosberg in Bayern sehen die Leute das so. Im Rhein-Main-Gebiet hingegen stoße er zwar nicht direkt auf Ablehnung, aber auf eine Art desinteressierter Verwunderung, wenn er erzählt, womit er sein Geld verdient. Da, wo er herkommt, würden hingegen oft die besten und motiviertesten Schüler Facharbeiter. Auch wenn die Berufsaussichten für Akademiker immer noch am besten sind, glaubt Trautner, dass sich auch ein engagierter Handwerksmeister nicht vor Arbeitslosigkeit fürchten muss. Tatsächlich gab es Ende 2014 in Deutschland rund 20.000 unbesetzte Lehrstellen.

          Durchlässigkeit als entscheidender Faktor

          Sollte es deshalb mehr Elektroniker und Maurer geben? Natürlich nicht. Bildung ist immer noch der beste Schutz vor Armut, und die Einkommensunterschiede zwischen hoch und niedrig Gebildeten wachsen immer weiter; auch das zeigt der OECD-Bericht. Doch in anderen OECD-Ländern gibt es nicht das duale Bildungssystem, das Deutschland, so die Lesart vieler Experten, erfolgreich durch die Krise gebracht hat. Grundlage dieses Systems sind Meister, die im Betrieb Gesellen ausbilden. Und ein Meisterabschluss entspricht einem Bachelorstudium. Da wirkt die Forderung der OECD, künftig sollten 75 Prozent eines Jahrgangs studieren, etwas befremdlich. Deutschland ist davon mit momentan 28 Prozent der Menschen zwischen 25 und 64 Jahren, die einen sogenannten Tertiärabschluss haben, noch weiter entfernt als der OECD-Durchschnitt von 33 Prozent.

          Der Soziologe Bertram sieht die Forderungen der OECD kritisch. „Wenn man sich die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern ohne duales Ausbildungssystem anschaut, muss man in Frage stellen, ob das Abitur der Königsweg ist“, sagt er. „Was habe ich davon, wenn 80 oder 90 Prozent Abitur haben und es anschließend die dafür notwendigen Stellen nicht gibt?“ Wichtiger, als möglichst viele Menschen in jungen Jahren zu Abitur und Studium zu bringen, sei eine spätere Durchlässigkeit des Systems. Wer mit 16 Jahren lieber schrauben und schleifen wolle, als Englisch zu lernen, der solle mit 26 Jahren problemlos ein Fachstudium machen können, falls ihn sein Beruf dann langweile. Und wenn er ihn nicht langweile, sei das umso besser.

          Auch bei der Handwerkskammer hält man nichts von den OECD-Plänen. In der Rede, die Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Rhein-Main, hielt, als Martin Trautner und andere Handwerksmeister in der Paulskirche geehrt wurden, beklagte er, dass ein Studium oft mehr gelte als eine Lehre. Dabei brauche die Gesellschaft Bäcker und Elektriker ebenso wie Akademiker. Viele Eltern drängten ihre Kinder aus falschem Ehrgeiz in ein Studium, das diesen teils nicht liege: Von den fast 60 Prozent eines Jahrgangs, die heute ein Studium begännen, brächen es 35 Prozent ab. „Die Hörsäle sind zu voll“, sagte Ehinger. Gleichzeitig herrsche Fachkräftemangel im Handwerk.

          „Man fühlt sich minderwertig“

          Deshalb versucht das Handwerk verstärkt, Abiturienten und Studienabbrecher zu gewinnen. Die Handwerkskammer Münster etwa stellt Kontakt zwischen Studienabbrechern und Beratern her und informiert sie über die duale Ausbildung. 152 Studienabbrecher konnten so seit Februar 2013 in eine Ausbildung vermittelt werden. Die Motive seien unterschiedlich, sagt Carsten Haack von der Handwerkskammer Münster. Vielen passe die freie Art des Lernens nicht, ihnen fehlen praktische Anteile. Andere hätten sich einfach „komplett vertan“ und etwa Elektrotechnik studiert, um dann eine Ausbildung zum Bäcker statt zum Elektroniker zu machen. Haack und seine Kollegen werben auch an Gymnasien für Ausbildungsberufe. In Münster machen knapp 60 Prozent eines Jahrgangs Abitur, eine große Zielgruppe für das Handwerk. „Aber das ist ein dickes Brett, das man bohren muss“, sagt Haack. Denn die Eltern sagten ihren Kindern oft: „Jetzt hast du schon Abitur gemacht, jetzt sollst du auch studieren.“

          Larissa von Spalding hat Abitur gemacht und dann nicht studiert, obwohl ihre Eltern das getan haben. Auch ihre älteren Geschwister und ihr Freund studieren. Nach dem Abitur auf einem Berliner Gymnasium hat sie eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen. „Ich hab gar kein Problem damit, eine Ausbildung zu machen“, sagt die Vierundzwanzigjährige. Andere hätten das teils schon: „Auf Partys im Gespräch ist es manchmal komisch, man fühlt sich minderwertig, als würde man nicht dasselbe leisten wie andere.“ Das verletze sie manchmal. Andererseits: „Wer will mit Leuten überhaupt etwas zu tun haben, die so über einen denken?“ Neben der geringen gesellschaftlichen Anerkennung stört von Spalding auch ihr niedriges Gehalt. Gelegentlich denkt sie deshalb darüber nach, sich für ein Medizinstudium zu bewerben - obwohl sie ihre Arbeit und den engen Bezug zu den Patienten mag. Sie kann sich Zeit nehmen und weiß auch ohne Blick in die Akte, wer da vor ihr liegt. „Es ist der Ausbildungsberuf mit der höchsten Verantwortung, und er macht mir auch Spaß“, sagt sie.

          Gibt es Selbstverwirklichung nur mit Studium?

          Das Thema wirft viele Fragen auf: Sollten Ausbildungen aufgewertet und auch auf Gymnasien stärker beworben werden? Oder muss alles getan werden, damit zukünftig so viele Jugendliche wie möglich unabhängig vom Bildungsgrad ihrer Eltern studieren? Wird es dann noch genug Arbeit für all die Juristen und Germanisten geben? Und genug Maurer? Ist das überhaupt eine berechtigte Frage, wenn es um die Lebensplanung und Selbstverwirklichung junger Menschen geht? Und ist die Annahme, Selbstverwirklichung gebe es nur mit Studium, nicht anmaßend?

          Für ihre Promotion nach Serbien zu reisen und dort die Bewältigung des Bürgerkriegs zu untersuchen, war für Daniela Mehler tatsächlich ein Stück Selbstverwirklichung - wobei sie das Wort „Selbstexpansion“ bevorzugt. „Über den Tellerrand zu schauen und herauszufinden, was für einen selbst wichtig ist“ - so beschreibt sie diesen Begriff. Er ist typisch für sie, denn sie wählt ihre Worte genau und überlegt; analysiert das, was sie sagt. Wer die junge Frau mit der Brille und den kurzen, dunkelblonden Haaren erlebt, kann sie sich kaum in einem Ausbildungsberuf vorstellen. Sie weiß aber, dass das nicht für alle gilt. Ein Freund von ihr habe sich mal, während er mit dem Studium haderte, mit seinen Eltern gestritten. Er habe ihnen vorgeworfen, dass andere Optionen als ein Studium nie zur Debatte gestanden hätten. Für ihn sei, wie für sie, vor allem eines wichtig: selbst über die eigene Zukunft zu bestimmen.

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