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Anwesenheit in der Uni : Der zähe Abschied von der Präsenzpflicht

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z./Tresckow

Studenten wollen selbst entscheiden, wo sie lernen. Deshalb haben sie an einigen Hochschulen die Abschaffung der Anwesenheitspflicht durchgesetzt. Dadurch ist die Lage vielerorts unübersichtlich geworden.

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          Auf dem blauen Pullover von Ben Pleban prangt das Logo der Universität Rostock. Seit Oktober ist der 22 Jahre alte Student Referent des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta). Kurz nach seinem Amtsantritt wurde die Anwesenheitspflicht an der Hochschule abgeschafft. Bis dahin galt: Wer mehr als zweimal im Seminar fehlte, bekam keinen Schein. Doch sei es jetzt nicht einfacher geworden, beklagt Pleban. Zwei der neun Fakultäten in Rostock hielten nämlich an der alten Regel fest. „Dieses Chaos muss ein Ende haben“, fordert er und dringt gemeinsam mit anderen Studentenvertretern auf eine einheitliche Lösung.

          Ähnlich genervt wie Pleban sind viele angehende Akademiker. Eine klare Regelung zur Anwesenheitspflicht fehlt vielerorts, oft wird sie von Dozenten individuell festgelegt. Das führt dazu, dass nicht nur Bundesländer oder Universitäten, sondern auch Studiengänge innerhalb derselben Fakultät die Anwesenheit unterschiedlich handhaben. In Rostock habe es nie eine rechtliche Grundlage für die allgemeine Anwesenheitspflicht gegeben, erklärt Stefan Göbel, Prorektor für Studium, Lehre und Evaluation. Darauf hatte die Hochschulleitung aber erst im Herbst in einem Rundschreiben hingewiesen - nachdem sich einige Studenten beschwert hatten. Göbel ist kein Befürworter einer Präsenzpflicht. Das Studium erfordere viel Selbstdisziplin, die sich jeder Student aneignen müsse, erklärt er und fügt hinzu: „Es führt zu weit, junge Erwachsene wie schulpflichtige Kinder zu behandeln.“

          Andere Hochschulen verlangen hingegen eine allgemeine Präsenz; sie scheinen an der Motivation ihrer Studenten zu zweifeln. So interpretiert es Martin Winter vom Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg. „Dahinter steht mitunter der Gedanke, dass die Studenten auf keinen Fall weniger als verlangt arbeiten und somit unverdient Leistungspunkte erhalten sollen.“ Offenbar werde die Anwesenheitspflicht als notwendiges Element der Bologna-Studienreform betrachtet und sei daher in den Studiengängen verankert worden. „Dies ist jedoch ein Irrtum“, sagt Winter. Eine solche Verpflichtung finde sich weder in den Bologna-Erklärungen noch in den Rahmenvorgaben der Kultusministerkonferenz oder in den Landeshochschulgesetzen. „Dieses Verständnis der Bologna-Reform führte letztendlich zu einem verschulten Studium und einer Prüfungsflut - quasi als sich selbst erfüllende Prophezeiung“, sagt Winter.

          Die Lockerung der Präsenzpflicht geht nicht immer reibungslos

          Im Bildungsstreik vor eineinhalb Jahren wehrten sich die Studenten gegen die zu hohe Arbeitsbelastung und verlangten unter anderem die Abschaffung oder zumindest Lockerung der Präsenzpflicht. Ihre Forderung wurde von etlichen Hochschulen gehört, doch nicht immer reibungslos verwirklicht. An der Universität Leipzig zum Beispiel gebe es zwar nur noch in sehr wenigen Studienordnungen eine Anwesenheitspflicht, erklärt Simon Feldkamp vom Studentenrat. Dennoch machten einige Dozenten die regelmäßige Teilnahme zur Bedingung und verwehrten bei einem Verstoß die Zulassung zu Prüfungen. „In solchen Fällen klären wir unsere Kommilitonen auf und schalten uns im Zweifel ein“, sagt Feldkamp. Die Dozenten hätten meistens nichts mehr einzuwenden, wenn sie auf die Rechtslage hingewiesen würden. „Doch daran erinnern müssen wir sie regelmäßig und häufig“, beklagt Feldkamp.

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