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Pionierin der Wissenschaft : Eintritt durch die Hintertür

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Nadeshda Suslowa Bild: Universität Zürich

Um ihren Doktor zu machen, kam Nadeschda Suslowa aus Russland nach Zürich. Dort wurde sie vor 140 Jahren - am 14. Dezember 1867 - als erste Frau im deutschen Sprachraum regulär promoviert: Präzedenzfall in der Geschichte des Frauenstudiums.

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          „Ich habe noch nie gehört, dass ein Doktorvater gesagt hat: Das ist eine sehr naturwissenschaftliche Arbeit. Dafür will ich lieber keine Frau. Die kann das nicht“, sagt Julia Böhm, Doktorandin in neurowissenschaftlicher Medizin an der Georg-August-Universität Göttingen. Eine heutige Selbstverständlichkeit, die ihren Anfang vor 140 Jahren an der damals jungen und noch recht unbekannten Universität Zürich nahm. Denn dort promovierte am 14. Dezember 1867 Nadeschda Prokofjewna Suslowa nach einem Regelstudium als erste Frau an einer deutschsprachigen Universität. „Ich bin die Erste, aber nicht die Letzte. Nach mir werden Tausende kommen“, prophezeite die 1843 geborene Tochter eines ehemaligen Leibeigenen und schuf den wohl wichtigsten Präzedenzfall in der Geschichte des Frauenstudiums.

          Suslowa wurde nicht durch Privatunterricht vom normalen Universitätsbetrieb abgeschirmt und besonders protektioniert wie Dorothea Erxleben aus Quedlinburg. Sie war die erste Frau überhaupt, die an einer deutschsprachigen Universität promovierte – das war 1754. Allerdings wurde sie von ihrem Vater, einem Arzt, privat unterrichtet und dann auf Befehl des preußischen Königs an der Universität Halle zur Promotion in Medizin zugelassen. Auch Dorothea Rodde-Schlözer – angeblich die erste deutsche Frau mit Doppelnamen – promovierte noch vor Suslowa. Sie erlangte ihre Doktorwürde in Philosophie an der Universität Göttingen 1787 – aber über eine mündliche Prüfung und ohne die Anfertigung einer Dissertation.

          Eine Fakultät in Entscheidungsnot

          Erst Nadeschda Prokofjewna Suslowa aber brachte den entscheidenden Stein ins Rollen: Sie wurde als Frau über die reguläre Immatrikulation in die Wissenschaftsgemeinde aufgenommen und zur Promotion zugelassen. Die Russin war bereits als Hospitantin an der Petersburgischen Medizinisch-Chirurgischen Akademie eine Pionierin. Doch als 1864 in Russland die Zulassung von Frauen an den Universitäten verboten wurde, das Programm der amerikanischen Women’s Medical Colleges nicht Suslowas Vorstellungen entsprach und auch die Sorbonne in Paris sie ablehnte, wandte sie sich an die Universität Zürich. Die damals noch sehr junge Universität, 1833 gegründet, ohne eigenes Gebäude und mit noch wenig Prestige, war bekannt für ihre liberale Einstellung gegenüber Gasthörerinnen. Seit den Vierzigerjahren waren dort Frauen vereinzelt zugelassen worden. Suslowa besuchte 1865 erst als gewöhnliche Gasthörerin die medizinischen Vorlesungen. Als sie sich nach zwei Jahren jedoch zum Staatsexamen anmelden wollte, löste dies Entscheidungsnot in der Fakultät aus. Sie solle sich erst immatrikulieren, hieß es. Am 1. Februar 1867 tat sie dies rückwirkend für das Wintersemester 1866/67 und promovierte anschließend gleich noch über die Physiologie der Lymphherzen.

          „Es war der Eintritt durch die Hintertür“, sagt Silvia Bolliger, Leiterin des Archivs der Universität Zürich. Suslowas Glück sei es gewesen, dass sie nicht von Anfang an Druck gemacht habe, um ein Fachstudium einschließlich Promotion absolvieren zu können. „Sie ist einfach gekommen und hat dann die Leute durch ihr Können überzeugt.“ Hinzu kam wohl auch die Annahme, dass Suslowa keine Bedrohung darstellte: Sie würde wieder nach Russland zurückkehren und folglich weder die Geschlechterordnung in der Schweiz verändern noch jemandem einen Arbeitsplatz wegnehmen.

          Suslowas Motto: Still halten und studieren!

          Doch die Schweizer Professoren unterschätzten die Konsequenzen. Suslowas Zulassung löste sehr bald eine regelrechte Überschwemmung der Universität durch Studentinnen vor allem aus Russland aus. Schon 1873 gab es 114 immatrikulierte Frauen, ein Viertel aller Studierenden. 109 von ihnen kamen aus dem Zarenreich. Offiziell zugelassen wurde das Frauenstudium in Zürich damals allerdings nicht. In den Zulassungs- und Promotionsreglementen sei immer nur von Studierenden gesprochen worden, nicht von Studenten, berichtet Bolliger. Diese geschlechtsunspezifische Formulierung sei zu Suslowas Gunsten ausgelegt worden. „Es war eine Verkettung von glücklichen Umständen, die zum Präzedenzfall wurden, auf die sich dann andere Frauen berufen konnten“, sagt die Historikerin.

          Nach Suslowas Erfolg wurde bis Mitte der Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts in den meisten europäischen Staaten das Frauenstudium eingeführt. Nur in Preußen erlaubte man es allgemein erst 1908. Begeistert waren nicht alle. „Frauen sind generell völlig ungeeignet zum Studium, besonders zum Studium der Medizin, weil sie ein zu kleines Gehirn haben. Der wahre Geist der Naturwissenschaften wird deshalb dem Weibe stets verschlossen bleiben“, schrieb etwa der Münchener Medizinprofessor Theodor von Bischoff zur Debatte – in Deutschland war der Widerstand besonders heftig.

          Julia Böhm, der Doktorandin aus Göttingen, fällt es schwer, die Aussagen von damals nachzuvollziehen. Bei der Bewerbung um wissenschaftliche Positionen allerdings seien Frauen noch immer etwas im Nachteil. Manch ein Professor zögere eventuell bei einer Einstellung, wenn er befürchte, dass die Bewerberin bald ausfallen werde, weil sie Kinder bekommen könnte. Um die Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit gehe es dabei aber nicht. Viel häufiger sind es ihrer Meinung nach die Frauen selbst, die ein Problem mit ihrer eigenen Gleichstellung haben. Wenn die Aufgaben zu naturwissenschaftlich seien, bekämen viele Angst. „Manche Frauen trauen sich nicht so viel zu“, sagt die 25-Jährige. „Das Problem ist, dass sie selbst nicht genug Mut haben und sagen: Ich schaffe das.“

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