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Akademiker und Spitzensport : Examen statt Medaille

  • -Aktualisiert am

Bild: Tresckow

Spitzensportler haben es im Studium nicht einfach - viel Zeit geht für Wettkämpfe und Training drauf. Spezielle Studiengänge machen ihnen die Vorbereitung auf das Leben nach der Karriere leichter.

          5 Min.

          Jung, dynamisch, erfolgreich - und arbeitslos? Tobias Schadewaldt ist in diesem Jahr besonders bewusst geworden, dass er zum Leben mehr braucht als nur den Spitzensport. Der 23 Jahre alte Segelsportler hat bei der Weltmeisterschaft im Februar die Olympiaqualifikation verpasst. Vier Jahre hatte er sich auf Olympia vorbereitet. Rund 200 Tage im Jahr verbrachte er währenddessen im Ausland, in Trainingslagern und bei Regatten. Etwa 24 Wochenstunden umfasste sein Segel-, Kraft- und Ausdauertraining. Dazu kam die Zeit, die er für den Auf- und Abbau seines Bootes und Reparaturen benötigte. Und obwohl ihn seine Sportart so beansprucht hat, schaffte er es noch, nebenbei an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg Betriebswirtschaftslehre zu studieren.

          "Erst nach meinem Scheitern ist mir klargeworden, wie wichtig mein Studium ist", sagt er heute. "Ich war zwar enttäuscht, aber ich stand nicht mit leeren Händen da." Denn sein Leben bietet ihm nun neben dem Sport auch berufliche Perspektiven. Das liegt auch an seinem Studienort. Denn die Uni Oldenburg ist neben der Fachhochschule Ansbach die einzige Hochschule in Deutschland, die ein speziell auf Leistungssportler zugeschnittenes Wirtschaftsstudium anbietet. Das berufsbegleitende Studium ist darauf ausgerichtet, den individuellen Ansprüchen der Spitzensportler gerecht zu werden.

          Marktlücke entdeckt

          Die Unis haben mit ihrem seit zwei Jahren bestehenden Angebot eine Marktlücke entdeckt. Für Arnulf Rücker, den Laufbahnberater am Olympiastützpunkt Hessen in Frankfurt, war das ein überfälliger Schritt. Rücker ist seit 1988 für die "duale Karriereplanung" von Spitzensportlern zuständig. Dabei arbeiten er und seine Kollegen an den 20 deutschen Olympiastützpunkten darauf hin, dass die Athleten ihre sportliche und berufliche Ausbildung gleichmäßig vorantreiben. Sie helfen bei der Studienwahl, knüpfen Kontakte zu Unternehmen oder Hochschulen und vermitteln in Konflikten mit Lehrern, Professoren oder Vorgesetzten. "Sport und Bildung müssen kompatibel sein", fordert Rücker. Seiner Ansicht nach haben sich die Hochschulen in den vergangenen fünf Jahren besser auf die Bedürfnisse von Spitzensportlern eingestellt. "Die Sportförderung stützt sich nun auf drei Säulen: den öffentlichen Dienst mit Bundeswehr, Polizei und Zoll, die Wirtschaft und das Schul- und Hochschulwesen. Wobei sich die Hochschulen in der Förderung der dualen Karriere zum wichtigsten Standbein entwickelt haben."

          Arbeitslos? Tobias Schadewaldt hat die Olympiaqualifikation verpasst
          Arbeitslos? Tobias Schadewaldt hat die Olympiaqualifikation verpasst : Bild: privat

          Die Kombination von Spitzensport und Studium ist offenbar ausgesprochen attraktiv: Etwa 60 Prozent der sportlichen Leistungsträger erwerben eine Hochschulzulassung, rund 800 Kaderathleten aus olympischen und nichtolympischen Disziplinen sind derzeit an Deutschlands Hochschulen eingeschrieben. Sie können mittlerweile aus Studiengängen an mehr als 160 sogenannten "Partnerhochschulen des Spitzensports" wählen. Diese Studiengänge sind auch für andere Studenten zugänglich, für Leistungssportler ist das Studium jedoch flexibler gestaltet.

          Prüfungen um die sportlichen Termine herumgelegt

          Sobald ein Athlet zu einem solchen Studiengang zugelassen ist, nimmt sein Laufbahnberater Kontakt mit dem persönlichen Mentor aus dem Fachbereich auf, der den Athleten dann bei strukturellen Problemen unterstützt. Zu Semesterbeginn muss deshalb die Wettkampf- und Trainingsplanung vorliegen, damit Lehrveranstaltungen und Prüfungen um die sportlichen Termine herumgelegt werden können. Dafür haben sich die Professoren an den Partnerhochschulen bereit erklärt, alternative Klausurtermine anzubieten sowie Praktika oder Anwesenheitszeiten nach den Terminkalendern der Sportler auszurichten und ihnen Urlaubssemester zu gewähren. Die qualitativen Ansprüche des Studiums jedoch muss ein Spitzensportler genauso erfüllen wie ein ganz normaler Student - auf seinen vielen Auslandsreisen hatte Tobias Schadewaldt deshalb zum Büffeln auch immer seine Bücher dabei.

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