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Akademiker : In der Viertellebenskrise

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Gilt nicht nur Korpsstudenten: Ist die Uni-Zeit erst einmal vorbei, trauert mancher ihr nach Bild: Jung, Hannes

Mit dem Abschluss in der Tasche endlich durchstarten - so haben sich die Mittzwanziger ihr Leben nach dem Studium vorgestellt. Doch manchmal kommt alles ganz anders.

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          Schlechtgelaunt sehen sie alle aus. Der eine ist Staranwalt: jung, erfolgreich - und trotzdem unglücklich. Der andere weiß mit seiner Zukunft nichts anzufangen, er wehrt sich gegen die Regeln der Gesellschaft, möchte sein Leben verändern, ihm einen Sinn geben - tut aber letztlich doch nichts, um sein Ziel zu erreichen. Die Figuren aus dem Stück „Die Unschuldigen“, das derzeit im Mainzer Staatstheater zu sehen ist, sollen die Generation der Mittzwanziger porträtieren. Viele von ihnen durchleben eine Zeit des Umbruchs: Sie sind Akademiker, befinden sich entweder in den letzten Zügen ihres Studiums oder haben es schon abgeschlossen. Eigentlich sollte das Leben jetzt richtig losgehen, sie sind jung und ungebunden, die Welt liegt ihnen zu Füßen. Aber irgendwie kommt dann doch alles anders - die „Quarterlife Crisis“ schlägt zu. 2001 prägten die Amerikanerinnen Alexandra Robbins und Abby Wilner diesen Begriff, mit dem sie die Probleme der Mittzwanziger zusammenfassten: eine Fülle an Möglichkeiten auf der einen, das lähmende Gefühl, sich nicht ausreichend auf das wahre Leben vorbereitet zu haben, auf der anderen Seite.

          „Realitätsschock“ nennt Claudia Lazanowski, Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität Frankfurt, dieses Phänomen. Der Studentenstatus gebe vielen ein Gefühl von Sicherheit, das Studium sei eine Verlängerung der unbeschwerten Jugendzeit. Nach dem Abschluss falle diese Sicherheit weg, viele Absolventen fühlten sich überfordert und verunsichert. Das habe teils depressive Phasen zur Folge. Ungefähr die Hälfte der beratenen Studenten zeigten die unter dem populärwissenschaftlichen Begriff „Quarterlife Crisis“ zusammengefassten Symptome. Dazu gehörten vor allem Prüfungs- und Zukunftsangst sowie depressive Störungen. „Gerade seit der Einführung der neuen Studienordnungen stehen viele Studenten unter größerem zeitlichen und fachlichen Druck“, sagt Lazanowski.

          Auch Johanna Roth aus Mainz fürchtet sich vor Prüfungen. Mit 23 Jahren hat sie ihr Jurastudium schon fast abgeschlossen, bis jetzt konnte sie jede Klausur meistern. Doch die Anmeldung zum Examen stellte für sie eine große Hürde dar. Eigentlich habe ja alles immer gut geklappt, sagt sie, dennoch sei die Angst zu versagen vor jeder Prüfung groß. Den Entschluss zu studieren hat Roth schon früh gefasst, für ein bestimmtes Fach hat sie sich jedoch erst kurz vor der Immatrikulation entschieden. Die Juristerei sei nie ihr Traumberuf gewesen, sagt sie, eigentlich hätte sie viel lieber Geschichte studiert. „Das war mir aber zu unsicher. Ich möchte meinen Kindern später das bieten können, was meine Eltern mir ermöglicht haben. Dafür braucht man einen festen Job, der gut bezahlt wird.“

          Ohne Berufsziel

          Mit dieser Meinung scheint sie nicht allein zu sein: Gut die Hälfte der Abiturienten haben sich dieses Jahr an einer Hochschule eingeschrieben. Immer mehr entscheiden sich für ein Fach, ohne ein bestimmtes Berufsziel vor Augen zu haben - Studieren scheint zum Selbstzweck geworden zu sein. 1972 waren in Hessen 67.244 Studenten immatrikuliert, im Wintersemester 2011/2012 sind es dreimal so viele. Die Konkurrenz unter den Hochschulabsolventen steigt, oft können die hohen Erwartungen an das Berufsleben später nicht erfüllt werden.

          Sandra Mayer (Name geändert) entschied sich nach ihrer Ausbildung zur Außenhandelskauffrau dazu, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Sie habe Karriere machen wollen, sagt sie, dafür brauche man einen Hochschulabschluss. 2009 schloss die heute 27 Jahre alte Frau ihr Studium an der Goethe-Universität mit einem Notendurchschnitt von 1,4 ab. Ein tolles Gefühl sei das gewesen, erinnert sie sich; danach habe sie durchstarten wollen. Doch sie bewarb sich erfolglos auf mehr als 40 Stellen, die meisten Firmen bemühten sich nicht einmal um eine Absage.

          Schon während des Studiums hatte Mayer mehrere Praktika absolviert, auch nach dem Abschluss versuchte sie, so in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. 500 Euro brutto habe sie dabei durchschnittlich verdient, Überstunden seien an der Tagesordnung gewesen, sagt sie. Viermal zog sie innerhalb von 18 Monaten um, verlor ihr soziales Umfeld, fühlte sich nirgends mehr zu Hause. Als sie 2010 Hartz IV habe beantragen müssen, sei das der Beginn ihrer depressiven Phase gewesen. „Wäre ich nach der Ausbildung im Beruf geblieben, hätte ich mittlerweile zehn Jahre Berufserfahrung und viel Geld verdient. Das hat mich total aus der Bahn geworfen.“ Nach fast zwei Jahren fand sie eine befristete Anstellung in einer Agentur in Frankfurt.

          Temporäre depressive Episode

          Laut Studien des Hochschulinformationssystems (HIS) ist diese Übergangsphase zwischen Abschluss und Berufseinstieg normal, Akademiker hätten auf dem Arbeitsmarkt immer noch einen klaren Vorteil. Doch Lazanowski sieht in der zunehmenden Konkurrenz dennoch eine Belastung. Die Entwicklung gehe dahin, dass Studenten schon in den ersten Semestern Zukunftsängste entwickelten. Viele versuchten, durch Praktika und Auslandssemester entgegenzusteuern, was oft zu einer weiteren Überforderung führe. Der Druck, sich während und nach dem Studium von den anderen abzuheben, werde immer größer.

          Auch an der Universität Mainz nehmen immer mehr Studenten das psychotherapeutische Beratungsangebot in Anspruch: 2001 wurden hier 186 Klienten beraten, in diesem Jahr waren es schon 740. Vielen der Studenten gehe es nach einer temporären depressiven Episode wieder besser, sagt Psychotherapeutin Hanni Reimers. Wichtig zum Überwinden einer Krise seien vor allem ein starkes soziales Umfeld und gute Bewältigungsstrategien. So arbeite die Beratungsstelle unter anderem mit der Agentur für Arbeit zusammen, um die Studenten optimal bei der Berufsfindung unterstützen zu können.

          Endlich erwachsen werden, Geld verdienen und eine Familie gründen, das wollen auch die „Unschuldigen“ im Theaterstück. Und hier, wie so oft im wahren Leben, ändert ein Jobangebot letztendlich alles. Die Geschäftsidee des Studenten findet Anklang bei gleich mehreren wohlhabenden Investoren - der Karriere steht nun nichts mehr im Weg.

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