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Akademiker : In der Viertellebenskrise

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Sandra Mayer (Name geändert) entschied sich nach ihrer Ausbildung zur Außenhandelskauffrau dazu, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Sie habe Karriere machen wollen, sagt sie, dafür brauche man einen Hochschulabschluss. 2009 schloss die heute 27 Jahre alte Frau ihr Studium an der Goethe-Universität mit einem Notendurchschnitt von 1,4 ab. Ein tolles Gefühl sei das gewesen, erinnert sie sich; danach habe sie durchstarten wollen. Doch sie bewarb sich erfolglos auf mehr als 40 Stellen, die meisten Firmen bemühten sich nicht einmal um eine Absage.

Schon während des Studiums hatte Mayer mehrere Praktika absolviert, auch nach dem Abschluss versuchte sie, so in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. 500 Euro brutto habe sie dabei durchschnittlich verdient, Überstunden seien an der Tagesordnung gewesen, sagt sie. Viermal zog sie innerhalb von 18 Monaten um, verlor ihr soziales Umfeld, fühlte sich nirgends mehr zu Hause. Als sie 2010 Hartz IV habe beantragen müssen, sei das der Beginn ihrer depressiven Phase gewesen. „Wäre ich nach der Ausbildung im Beruf geblieben, hätte ich mittlerweile zehn Jahre Berufserfahrung und viel Geld verdient. Das hat mich total aus der Bahn geworfen.“ Nach fast zwei Jahren fand sie eine befristete Anstellung in einer Agentur in Frankfurt.

Temporäre depressive Episode

Laut Studien des Hochschulinformationssystems (HIS) ist diese Übergangsphase zwischen Abschluss und Berufseinstieg normal, Akademiker hätten auf dem Arbeitsmarkt immer noch einen klaren Vorteil. Doch Lazanowski sieht in der zunehmenden Konkurrenz dennoch eine Belastung. Die Entwicklung gehe dahin, dass Studenten schon in den ersten Semestern Zukunftsängste entwickelten. Viele versuchten, durch Praktika und Auslandssemester entgegenzusteuern, was oft zu einer weiteren Überforderung führe. Der Druck, sich während und nach dem Studium von den anderen abzuheben, werde immer größer.

Auch an der Universität Mainz nehmen immer mehr Studenten das psychotherapeutische Beratungsangebot in Anspruch: 2001 wurden hier 186 Klienten beraten, in diesem Jahr waren es schon 740. Vielen der Studenten gehe es nach einer temporären depressiven Episode wieder besser, sagt Psychotherapeutin Hanni Reimers. Wichtig zum Überwinden einer Krise seien vor allem ein starkes soziales Umfeld und gute Bewältigungsstrategien. So arbeite die Beratungsstelle unter anderem mit der Agentur für Arbeit zusammen, um die Studenten optimal bei der Berufsfindung unterstützen zu können.

Endlich erwachsen werden, Geld verdienen und eine Familie gründen, das wollen auch die „Unschuldigen“ im Theaterstück. Und hier, wie so oft im wahren Leben, ändert ein Jobangebot letztendlich alles. Die Geschäftsidee des Studenten findet Anklang bei gleich mehreren wohlhabenden Investoren - der Karriere steht nun nichts mehr im Weg.

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