https://www.faz.net/-gyl-a4rd7

Hype um Bürohunde : Sitz, Kollege!

  • -Aktualisiert am

Eine Bereicherung bei klaren Regeln: Hunde im Büro Bild: www.plainpicture.com

Bürohunde sind Alleskönner – sagen Hundebesitzer: Sie verbessern die Stimmung, schützen vor Burnout, locken Nachwuchs. Stimmt das?

          3 Min.

          Jeden Donnerstag geht es in der Rechtsanwaltskanzlei ETL in der Kölner Innenstadt sozusagen tierisch zu. Denn dann bringt Mitge- sellschafter und Geschäftsführer Christian Johannes seinen Hund Wilma mit ins Büro. Der hüfthohe Airedale Terrier mit zotteligem Fell ist allseits beliebt: „Fast jeder Mitarbeiter hat inzwischen Leckerli in der Schreibtischschublade“, sagt Johannes. „Und auch die Mandanten haben direkt bessere Stimmung, wenn der Hund mit im Raum ist.“ Seit zehn Jahren gehört Wilma schon zur Familie. Unter der Woche kümmert sich die Frau von Johannes um den Vierbeiner, am Donnerstag fährt Wilma mit in die Kölner Kanzlei.

          Seit Juni darf Wilma auch wieder regelmäßig mitkommen. Johannes schickte seine Mitarbeiter während der Hochphase der Covid-19-Pandemie nämlich ins Homeoffice – drei Monate arbeiteten alle vom heimischen Schreibtisch aus, nur eine Notbesetzung war noch vor Ort. Inzwischen aber sind alle wieder vereint – was nicht nur dem Hund guttut, sondern auch den Mitarbeitern. Das belegen zahlreiche Studien, die die Wirkung von Hunden am Arbeitsplatz untersuchen. In Deutschland erlauben deshalb immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern, Hunde mit an den Arbeitsplatz zu bringen. Wie viele es tatsächlich sind, lässt sich nur schätzen. Die Online-Stellenbörse Joblift beispielsweise hat im Februar 2019 sämtliche deutschen Inserate der vergangenen 24 Monate analysiert und herausgefunden, dass insgesamt 588 Unternehmen ihren Vierbeiner in der Stellenanzeige erwähnen – und 30 Prozent von ihnen neue Mitarbeiter sogar ermutigen, ihren eigenen Hund mitzubringen.

          Das ist natürlich nicht nur guter Wille der Arbeitgeber, sondern folgt einer logischen Strategie. Gibt es einen Hund im Büro, dann sinkt das Stresslevel der Mitarbeiter deutlich. Das liegt am Bindungshormon Oxytocin, das der Körper nicht nur beim Küssen und Schmusen ausschüttet, sondern eben auch beim Streicheln von Tieren. „Die Wirkung von Hunden auf den Menschen ist sehr gut erforscht“, sagt Markus Beyer, Vorsitzender des Bundesverbands Bürohund (BVBH). Beyer arbeitet in Berlin als Hundetrainer und hat den Verein vor sechs Jahren gegründet. „Damals wurde ich immer öfter gefragt, ob ich Hunden nicht das Alleinsein beibringen könnte“, sagt er. Doch genau hier liege der Trugschluss: „Hunde sind nicht gerne allein, sie sind soziale Wesen. Ideal also fürs Büro.“

          Stärkt die Arbeitgebermarke

          Für Beyer ist ganz klar: Bürohunde vermindern die Burnout-Gefahr am Arbeitsplatz. Das liegt zum einen am Bindungshormon, zum anderen aber auch an kleinen Pausen im Arbeitsalltag, die sich mit einem Vierbeiner ganz natürlich ergeben: „Wenn ein Hund im Büro ist, stehen Mitarbeiter immer mal wieder auf, streicheln ihn oder gehen mit ihm um den Block.“ Das beobachtet auch der Kölner Kanzleiinhaber Christian Johannes. Er geht jeweils um halb zwölf und um halb drei mit Wilma im angrenzenden Park spazieren. „Allein das senkt meinen Stresspegel schon deutlich“, versichert er.

          Und auch die Motivation der Mitarbeiter erhöht sich offenbar. Das hat jedenfalls eine Forschergruppe der britischen University of Lincoln im vergangenen Jahr in einer Studie bestätigt. Die Wissenschaftler befragten 749 Hundebesitzer, die ihren Vierbeiner mindestens einmal im Monat mit ins Büro nahmen. Das Ergebnis: Wer seinen Hund mitbringen durfte, zeigte mehr Elan bei der Arbeit, war engagierter und aufnahmefähiger. Und: Die Befragten, die ihr Haustier mitbringen durften, hatten wesentlich seltener vor, den Arbeitgeber zu wechseln als diejenigen, die ihren Hund zu Hause lassen mussten oder gar keinen hatten.

          Auch im Recruiting können Bürohunde das entscheidende Zünglein an der Waage sein, glaubt Markus Beyer vom BVBH: „Unternehmen mit Bürohunden sind sympathischer für Bewerber, weil sie eine positive Geisteshaltung in der Unternehmensphilosophie erkennen lassen.“ Dazu komme, dass Stellenangebote mit dem Hinweis auf Bürohunde mehr Aufmerksamkeit erhalten. „Erlauben Arbeitgeber Hunde im Büro, stärkt das die Arbeitgebermarke erheblich“, ist er überzeugt.

          Klare Regeln sind wichtig

          Das hat auch schon Steuerberater Johannes beobachtet. „Kanzleien gelten gemeinhin als eher langweilig. Ein Bürohund macht die Arbeit für Bewerber attraktiver und gibt uns einen Vorsprung im Kampf um Fachkräfte“, sagt er. Die meisten Mitarbeiter bei ETL sind älter als 40 Jahre, Johannes sucht also händeringend nach qualifiziertem Nachwuchs, und das nicht erst seit der Corona-Krise. Junge Leute für Steuern zu begeistern sei nicht leicht: „Viele denken, Steuern sind altbacken“, sagt er. „Wenn die Bewerber erst einmal zum Gespräch kommen und Wilma sehen, sind die meisten positiv überrascht.“

          Damit die Idee mit einem Haustier fürs Büro funktioniert, sollte es allerdings klare Regeln geben, sagt BVBH-Gründer Beyer – für Hunde und Menschen gleichermaßen. Das Tier sollte beispielsweise seine Ruhe haben können und nicht ständig gefüttert werden. Hat jemand Angst vor Hunden oder eine Allergie, dann können hundefreie Bereiche helfen. Gerade entwickelt der BVBH ein „Bürohundzertifikat“: Dafür testen Beyer und seine Hundetrainer-Kollegen, wie gut der Hund mit Menschen und anderen Artgenossen klarkommt, ob er auf Kommandos hört oder ständig bellt.

          Auch Christian Johannes hat Regeln für seine Wilma. „Wenn Mandanten mit Allergien oder Angst vor Hunden da sind, bleibt der Hund in meinem Büro“, sagt der Steuerberater. Und: Ballspielen im Flur ist verboten, wenn Kunden vor Ort vorbeischauen. Dass Wilma bei Besuch ruhig in der Ecke liegt, verdankt Johannes jahrelangem Training. Die ersten drei Jahre hat er mit Wilma regelmäßig in einer Hundeschule für den Ernstfall geprobt. Das zahlt sich aus: Selbst die Kollegen, die am Anfang eher skeptisch waren, haben inzwischen Freundschaft mit Wilma geschlossen. Sie wissen: Der Hund hört auf Kommandos – und ist gleichzeitig das beste Mittel gegen den anstrengenden Büroalltag.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Forschung im Unterdruck-Labor: Viren werden in einer Nährlösung zur Vermehrung angeregt.

          Versuche mit dem Coronavirus : Außer Kontrolle

          Aufregung in den USA: Wie jetzt bekannt wird, haben Forscher am Wuhan-Institut mit amerikanischem Geld gefährliche Coronavirus-Experimente vorgenommen. Die „Gain-of-Function-Forschung“ muss dringend in ihre Schranken verwiesen werden. Ein Gastkommentar.
          Seit gut drei Jahren ein Paar: Prinz Philippos und Nina Flohr bei einer Hochzeit im Jahr 2019.

          Royale Hochzeit in Athen : Königssohn heiratet Milliardärstochter

          Prinz Philippos, der jüngste Sohn des letzten Königs der Hellenen, gibt am Samstag Nina Flohr das kirchliche Jawort in Athen. Noch wird gerätselt, wer zu den Gästen zählt. Fehlen wird Philippos’ ver­unglückte Patentante: Prinzessin Diana.

          CO2-Preis : Ein sozialer Ausgleich für die Klimapolitik

          Der CO2-Preis verteuert vor allem Autofahren und Heizen. Das birgt soziale Sprengkraft. Die Einnahmen sollen daher über einen fairen Ausgleich an die Bürger zurückfließen. Bloß wie?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.