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Karriere mit Kopftuch : Zwischen Schreibtisch und Gebet

Verhüllte Chancen: Um Kopftuch und Karriere vereinbaren zu können, machte sich Marziya Özisli selbständig Bild: Marcus Kaufhold / F.A.Z.

Weiblich, Muslima, Kopftuchträgerin - das sind gleich drei Hürden auf dem Arbeitsmarkt. Der klassische Ausweg für Aufstiegswillige ist, sich selbständig zu machen. So erging es auch der jungen Anwältin Marziya Özisli. Nadine Bös hat sie besucht.

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          Es gibt eine Episode im Leben von Marziya Özisli, die so sinnbildlich für ihre gesamte Karriere steht, dass sie beinahe konstruiert wirkt: Damals war die junge Anwältin noch Studentin und suchte eine Referendariatsstelle in der Verwaltung. „Ich bekam eine Absage nach der anderen“, berichtet die türkischstämmige Juristin. „Es war zum Verzweifeln.“ Irgendwann griff sie zum Telefonhörer und rief die örtlichen Ämter an, eins nach dem anderen. Das Gewerbeamt schließlich lud sie zum Vorstellungsgespräch ein. „Dort saß ich dem Ausbildungsleiter gegenüber, und wir verstanden uns prima“, sagt Özisli. „Er hat mich sofort eingestellt.“ Am Ende des Vorstellungsgesprächs hielt er allerdings kurz inne. „Frau Özisli“, sagte er, „damit Sie es wissen und keine Missverständnisse entstehen: Ich bin blind.“ Da nahm sie allen Mut zusammen und sagte: „Okay, und damit auch Sie es wissen: Ich trage ein Kopftuch.“ - „Ist mir egal“, antwortete der Ausbildungsleiter. „Ich sehe es ja nicht.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Es war das letzte Mal, dass Marziya Özisli auf eine Bewerbung eine Zusage erhielt. Nach ihrem zweiten Staatsexamen schickte die heute 30 Jahre alte Anwältin ihre Unterlagen zu Kanzleien und Unternehmen in ganz Deutschland, insgesamt 60 Mappen, ein ganzes Jahr lang. Vergeblich. „Anfangs legte ich noch ein Foto bei, auf dem ich mit Kopftuch zu sehen war“, erzählt sie. Diese Bewerbungen seien immer sehr prompt zurückgekommen. „Ich habe mich um etliche Stellen gemeinsam mit Kommilitonen beworben. Teilweise hatten sie schlechtere Noten und weniger passende Praktika als ich. Trotzdem wurden sie eingeladen, ich nicht.“

          Marziya Özisli begann deshalb, das Bewerbungsbild wegzulassen. Tatsächlich gab es danach einige Vorstellungsgespräche. „Da saß ich dann mehreren Damen und Herren gegenüber, die mich von oben bis unten musterten. Am Ende fragte immer irgendwer, ob ich denn bereit sei, im Arbeitsalltag das Kopftuch abzulegen. Ich sagte nein - und in den folgenden Tagen kam dann jedes Mal eine Absage.“

          „Natürlich haben diese Frauen schlechtere Karrierechancen“

          Kopftuch und Karriere, das sei immer noch so ziemlich das schwierigste Unterfangen, das sich eine junge Frau in Deutschland vornehmen könne, fasst Nesrin Odabasi vom Bundesausländerbeirat die Situation zusammen. „Frauen haben es im Berufsleben ohnehin schwerer als Männer. Dazu kommt bei diesen Frauen, dass sie meistens einen Migrationshintergrund haben und mit entsprechenden Vorurteilen kämpfen müssen.“ Wenn sie dann noch ein Kopftuch trügen, sei es in der Regel vorbei. „Dreifachdiskriminierung“ nennt das Odabasi. Sie stammt selbst aus der Türkei, hat sich aber gegen das Kopftuchtragen entschieden. „Natürlich haben diese Frauen schlechtere Karrierechancen“, sagt auch Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er hat eine vielbeachtete Studie über die Ansichten kopftuchtragender Frauen in Deutschland verfasst und kennt sich aus in der Szene. „Besonders in Branchen mit viel Kundenkontakt sind die Probleme groß.“

          Harte Zahlen dazu gibt es nicht. Indizien liefert eine Studie, die eine Forschergruppe der FU Berlin im Jahr 2005 erstellt hat. Die Berliner Wissenschaftlerinnen Saro Akman, Meltem Gülpinar, Monika Huesmann und Gertraude Krell verschickten fingierte Online-Kurzbewerbungen. Die Unternehmen erhielten Anfragen von vier verschiedenen Bewerbern: einem deutschen Mann, einer deutschen Frau, einem türkischstämmigen Mann und einer türkischstämmigen Frau, alle mit gleichwertigen Qualifikationen. Das Ergebnis: Die deutschen Bewerber wurden deutlich öfter zum Bewerbungsgespräch eingeladen als die türkischen. Und der türkische Mann erhielt mehr Einladungen als die türkische Frau: Sie ging leer aus - obwohl keine Bewerbungsbilder beigelegt waren.

          Gleichzeitig ist der Karrierewunsch gerade unter gut ausgebildeten Musliminnen groß, wie Wilamowitz-Moellendorff in seiner Studie herausgefunden hat. In seiner Befragung von 315 in Deutschland lebenden Kopftuchträgerinnen antworteten 59 Prozent, es sei ihnen „sehr wichtig“, im Beruf Erfolg zu haben. 94 Prozent stimmten der Aussage zu, dass es in einer Ehe oder Partnerschaft heute wichtig sei, dass sich auch die Frau ihre beruflichen Wünsche erfüllen kann. „Viele scheitern aber schon auf dem Weg dorthin“, sagt Nesrin Odabasi.

          „Legt das Kopftuch ab!“

          Was sagen die Arbeitgeber zu dem Vorwurf? Das Tragen des Kopftuchs sei ein sehr komplexes Thema, weicht Alexander Böhne, der Personal-Experte des Arbeitgeberverbands BDA, aus. „Es gibt in dieser Frage zugleich eine religiöse, eine gesellschaftspolitische und eine kulturelle Dimension.“ Ob er Arbeitgeber verstehen könne, die sich kopftuchfreie Büroetagen wünschen? Unternehmen stünden zumindest manchmal vor harten Problemen in dieser Frage, sagt Böhne. Stelle man etwa eine Frau mit Kopftuch nicht ein, stehe schnell ein unbegründeter Diskriminierungsvorwurf im Raum. Beschäftige man hingegen eine Frau mit Kopftuch, könne dies Kolleginnen irritieren, die das Kopftuch mit der Unterdrückung von Frauen verbinden. Auch die Reaktion von Kunden und Geschäftspartnern außerhalb des Unternehmens dürfe nicht außer Acht gelassen werden.

          Scharfe Kritik am Kopftuch formuliert die in Istanbul geborene Autorin und Frauenrechtlerin Necla Kelek: „Wir Bürgerrechtlerinnen sehen darin den Versuch, die Apartheid der Frauen festzuschreiben.“ Es sei Zeit anzuerkennen, dass das Kopftuch mit religiöser Verpflichtung nichts zu tun habe. Für Frauen, die wegen ihres Kopftuchs im Bewerbungsprozess scheitern, hat Kelek einen entsprechend einfachen Ratschlag: „Legt das Kopftuch ab!“

          Marziya Özisli hat sich dazu trotz allem nicht durchringen können. „Überlegt habe ich mir das natürlich“, sagt die Anwältin. „Aber ich hätte mich gefühlt, als würde ich mich selbst verraten.“ Warum? „Mit Kopftuch fühle ich mich Gott näher - und sicherer.“ Nie hätten die Eltern sie gezwungen, das Kopftuch zu tragen, im Gegenteil sogar auf die Nachteile hingewiesen. „Meine Familie ist zwar sehr religiös, aber nicht traditionell.“

          Geholfen haben ihr solche Beteuerungen für ihr Berufsleben bisher wenig. „Irgendwann reichte es mir, und ich beschloss, mich selbständig zu machen“, sagt sie. Im vergangenen April eröffnete sie im hessischen Gießen ihre eigene kleine Kanzlei. Ihren Sitz hat sie in einem kleinen gelben Hinterhaus mit knarzendem Parkettfußboden und schon etwas in die Jahre gekommenen Büromöbeln. Obwohl eigentlich auf Verkehrsrecht und Mietrecht spezialisiert, ist Özisli inzwischen Expertin für Ausländerrecht geworden - viele ihrer Mandanten haben türkische Wurzeln. Immerhin 40 Prozent aber sind „ganz normale Deutsche“, wie sie selbst sich ausdrückt. „Ich bin stolz über jeden von ihnen. Es zeigt, dass die Klienten weniger Vorurteile haben, als die Arbeitgeber glauben.“

          Der Schritt in die Selbständigkeit ist ein klassisches Verhalten

          Der Schritt in die Selbständigkeit ist nach den Beobachtungen von Migrantenorganisationen ein klassisches Verhalten kopftuchtragender Akademikerinnen. „Viele machen ihre eigenen Geschäfte auf, gründen Arztpraxen oder Frauen-Fitnessstudios“, zählt Cemalettin Özer auf. Er führt die Geschäfte der Mozaik gGmbH, die Migranten in Bewerbungs- und Karrierefragen berät. In bestimmten Branchen, in denen viel Kontakt zu muslimischen Ländern nötig sei oder die Kundschaft zum großen Teil aus Migranten bestehe, könne eine Kopftuchträgerin gar besonders vertrauensbildend wirken. „Wer Kopftuch trägt, signalisiert nämlich auch: Ich bin religiös, deshalb haue ich meine Kunden nicht übers Ohr.“

          Marziya Özisli jedenfalls ist offensichtlich froh darüber, jetzt ihr eigener Chef zu sein. Zweimal am Tag sagt sie ihrer Sekretärin, dass sie zehn Minuten ungestört sein will. Dann holt sie den Gebetsteppich aus dem Schrank und breitet ihn aus, direkt neben ihrem Schreibtisch. Manchmal dankt sie im Gebet Allah, dass sich in ihrem Beruf doch alles zum Guten gewandt hat.

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