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Karriere mit Kopftuch : Zwischen Schreibtisch und Gebet

Gleichzeitig ist der Karrierewunsch gerade unter gut ausgebildeten Musliminnen groß, wie Wilamowitz-Moellendorff in seiner Studie herausgefunden hat. In seiner Befragung von 315 in Deutschland lebenden Kopftuchträgerinnen antworteten 59 Prozent, es sei ihnen „sehr wichtig“, im Beruf Erfolg zu haben. 94 Prozent stimmten der Aussage zu, dass es in einer Ehe oder Partnerschaft heute wichtig sei, dass sich auch die Frau ihre beruflichen Wünsche erfüllen kann. „Viele scheitern aber schon auf dem Weg dorthin“, sagt Nesrin Odabasi.

„Legt das Kopftuch ab!“

Was sagen die Arbeitgeber zu dem Vorwurf? Das Tragen des Kopftuchs sei ein sehr komplexes Thema, weicht Alexander Böhne, der Personal-Experte des Arbeitgeberverbands BDA, aus. „Es gibt in dieser Frage zugleich eine religiöse, eine gesellschaftspolitische und eine kulturelle Dimension.“ Ob er Arbeitgeber verstehen könne, die sich kopftuchfreie Büroetagen wünschen? Unternehmen stünden zumindest manchmal vor harten Problemen in dieser Frage, sagt Böhne. Stelle man etwa eine Frau mit Kopftuch nicht ein, stehe schnell ein unbegründeter Diskriminierungsvorwurf im Raum. Beschäftige man hingegen eine Frau mit Kopftuch, könne dies Kolleginnen irritieren, die das Kopftuch mit der Unterdrückung von Frauen verbinden. Auch die Reaktion von Kunden und Geschäftspartnern außerhalb des Unternehmens dürfe nicht außer Acht gelassen werden.

Scharfe Kritik am Kopftuch formuliert die in Istanbul geborene Autorin und Frauenrechtlerin Necla Kelek: „Wir Bürgerrechtlerinnen sehen darin den Versuch, die Apartheid der Frauen festzuschreiben.“ Es sei Zeit anzuerkennen, dass das Kopftuch mit religiöser Verpflichtung nichts zu tun habe. Für Frauen, die wegen ihres Kopftuchs im Bewerbungsprozess scheitern, hat Kelek einen entsprechend einfachen Ratschlag: „Legt das Kopftuch ab!“

Marziya Özisli hat sich dazu trotz allem nicht durchringen können. „Überlegt habe ich mir das natürlich“, sagt die Anwältin. „Aber ich hätte mich gefühlt, als würde ich mich selbst verraten.“ Warum? „Mit Kopftuch fühle ich mich Gott näher - und sicherer.“ Nie hätten die Eltern sie gezwungen, das Kopftuch zu tragen, im Gegenteil sogar auf die Nachteile hingewiesen. „Meine Familie ist zwar sehr religiös, aber nicht traditionell.“

Geholfen haben ihr solche Beteuerungen für ihr Berufsleben bisher wenig. „Irgendwann reichte es mir, und ich beschloss, mich selbständig zu machen“, sagt sie. Im vergangenen April eröffnete sie im hessischen Gießen ihre eigene kleine Kanzlei. Ihren Sitz hat sie in einem kleinen gelben Hinterhaus mit knarzendem Parkettfußboden und schon etwas in die Jahre gekommenen Büromöbeln. Obwohl eigentlich auf Verkehrsrecht und Mietrecht spezialisiert, ist Özisli inzwischen Expertin für Ausländerrecht geworden - viele ihrer Mandanten haben türkische Wurzeln. Immerhin 40 Prozent aber sind „ganz normale Deutsche“, wie sie selbst sich ausdrückt. „Ich bin stolz über jeden von ihnen. Es zeigt, dass die Klienten weniger Vorurteile haben, als die Arbeitgeber glauben.“

Der Schritt in die Selbständigkeit ist ein klassisches Verhalten

Der Schritt in die Selbständigkeit ist nach den Beobachtungen von Migrantenorganisationen ein klassisches Verhalten kopftuchtragender Akademikerinnen. „Viele machen ihre eigenen Geschäfte auf, gründen Arztpraxen oder Frauen-Fitnessstudios“, zählt Cemalettin Özer auf. Er führt die Geschäfte der Mozaik gGmbH, die Migranten in Bewerbungs- und Karrierefragen berät. In bestimmten Branchen, in denen viel Kontakt zu muslimischen Ländern nötig sei oder die Kundschaft zum großen Teil aus Migranten bestehe, könne eine Kopftuchträgerin gar besonders vertrauensbildend wirken. „Wer Kopftuch trägt, signalisiert nämlich auch: Ich bin religiös, deshalb haue ich meine Kunden nicht übers Ohr.“

Marziya Özisli jedenfalls ist offensichtlich froh darüber, jetzt ihr eigener Chef zu sein. Zweimal am Tag sagt sie ihrer Sekretärin, dass sie zehn Minuten ungestört sein will. Dann holt sie den Gebetsteppich aus dem Schrank und breitet ihn aus, direkt neben ihrem Schreibtisch. Manchmal dankt sie im Gebet Allah, dass sich in ihrem Beruf doch alles zum Guten gewandt hat.

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