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Zwischen Arzt und Pfleger : Erfahren, kompetent und doch kein Arzt

  • -Aktualisiert am

Kein Pfleger, aber auch kein Arzt: Arztassistent ist ein ganz neuer Beruf auf der Ebene dazwischen. Bild: dpa

Arztassistenten sollen eine Lücke im Gesundheitssystem schließen – sie haben studiert, dürfen mehr als Pfleger, sind aber keine echten Ärzte. Führt das geradewegs in die Zwei-Klassen-Medizin?

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          Es ist 6.30 Uhr, Kim Tantarn verschafft sich einen Überblick über die Operationen vom Vortag, um nach einem ersten Visitenrundgang eine halbe Stunde später in der morgendlichen Besprechung die Chefärzte über den Zustand der Patienten zu unterrichten. Es folgen weitere Visite mit dem Chefarzt, Entlassungsbriefe und OP-Zustimmungen vorbereiten, Medikamentendosen anpassen, Verbände wechseln, Wunden drainieren, Patientengespräche führen. Noch eine letzte Runde und dann ist Feierabend. Tantarn ist keine Ärztin und auch keine Pflegerin. Sie ist Arztassistentin.

          Der „Arztassistent“ ist ein neuer Gesundheitsberuf. Er setzt an der Schnittstelle zwischen Pfleger und Arzt an. Es ist ein Versuch auf den Fachkräftemangel in deutschen Krankenhäusern zu reagieren, auf überlastete Ärzte mit immer weniger Zeit für Patienten und frustrierte Pflegekräfte, die sich ausgebremst fühlen und für ihre Arbeit kaum Anerkennung finden. Kim Tantarn ist 30 Jahre alt, gelernte Krankenpflegerin und studierte Arztassistentin. Seit drei Jahren arbeitet sie in der Wirbelsäulenchirurgie einer Klinik in München. Ihr Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe dauerte drei Jahre, immer im Wechsel zwischen Hörsaal und Krankenhaus. Die junge Frau gehört zum ersten in Deutschland ausgebildeten Jahrgang. Schon jetzt nehmen die Krankenhäuser der Region die Abgänger mit Handkuss.

          Was in Deutschland absolutes Neuland ist, gibt es in den Vereinigten Staaten schon seit den frühen sechziger Jahren. Mittlerweile können Interessierte dort aus 140 akkreditierten Arztassistent-Programmen auswählen, aus dem Gesundheitswesen sind die Helfer mit Hochschulabschluss nicht mehr wegzudenken. Das Berufsbild schwappte nach Europa über als wegen akuten Personalmangels in Großbritannien in einem Pilotprojekt Arztassistenten eingestellt wurden, die ihre Ausbildung in Amerika erhalten hatten. Schnell entwickelten die ersten Universitäten wie Aberdeen und Birmingham, aber auch Institute in den Niederlanden eigene Programme.

          In den Niederlanden gibt es schon seit zwölf Jahren Arztassistenten

          Während es in Deutschland erst 180 Abgänger gibt, haben Kliniken in den Niederlanden schon seit zwölf Jahren gute praktische Erfahrung mit den Assistenten gemacht. Sie übernehmen qualifizierte organisatorische Aufgaben, dürfen aber auch Blut abnehmen, Wunden vernähen und Patientengespräche führen. Lian Elfering begann 2010 sein Studium zum Arztassistenten in Den Haag an und assistiert seit nun drei Jahren im Universitätsklinikum Amsterdam. Zu Beginn habe es zwar ein paar Monate gedauert, bis die Ärzte im Krankenhaus gewusst hätten, was sie von ihm erwarten und wie sie mit der neuen Hochschulbildung umgehen sollten, aber: „Mittlerweile ist die Arbeitsaufteilung perfekt, für die Ärzte ist meine Arbeit wesentlich geworden. Ich habe einfach mehr Zeit für die Patienten.“ Die seien zu Beginn auch oft skeptisch gewesen, wenn da ein junger Mann ohne „Dr.“ auf dem Namensschild stand, der ihnen die Platzwunde nähen sollte. „Sobald sie aber merken, dass ich sowohl Erfahrung, als auch Fachwissen mitbringe, akzeptieren sie mich.“

          Dass ein Helfer mit Hochschulausbildung an der Schnittstelle zwischen Arzt und Pflegekraft entlastend für die Mediziner und vorteilhaft für die Qualität der Patientenversorgung ist, davon ist Professor Konrad Spesshardt schon lange überzeugt. Der Nuklearmediziner und ehemalige Leiter der St. Vincentius Kliniken in Karlsruhe entwickelte und schrieb das Curriculum für Baden-Württemberg. Seit Oktober 2010 ist die DHBW die einzige staatliche Einrichtung in Deutschland, die den Bachelorstudiengang „Arztassistent“ anbietet. Auch einige private Hochschulen haben ähnliche Studiengänge im Programm, jedoch ohne einheitliche Abschlüsse oder Lehrpläne. Neben dem seit Jahren akuten Fachkräftemangel vor allem außerhalb der städtischen Ballungsgebiete und den stetig steigenden Anforderungen in der medizinischen Versorgung, hat Spesshardt noch ein drittes Anliegen: Sein ganzes Berufsleben lang arbeitete er eng mit technischen Assistenten und Pflegern zusammen. „Viele von ihnen waren engagierter, praxiserfahrener und besser im Umgang mit Menschen als so mancher Medizinabgänger. Sie in ihrer Ausbildung und ihren Berufschancen auszubremsen schafft Frustration und ist eine Verschwendung menschlicher Ressourcen, die wir uns gar nicht leisten können.“ Voraussetzung zur Studienzulassung ist daher im Gegensatz zu vielen anderen dualen Studiengängen auch eine bereits abgeschlossene Ausbildung, zum Beispiel zum Krankenpfleger oder Operationstechnischer Assistenten.

          Dennoch: Einen Quereinstieg ins reguläre Medizinstudium wird es auch mit der neuen Qualifikation nicht geben. Dadurch, dass Medizin in Deutschland weiterhin nicht in das übliche System von Bachelor und Master Studiengängen eingegliedert ist, bleibt der Weg zum Arzt über weitere Universitätsbildung verschlossen. Wer auf Grund der harten Zulassungsbedingungen keinen Medizinstudienplatz bekommt und nach alternativen Einstiegen in den Arztberuf sucht, für den ist der neue Studiengang nicht das Richtige. Auch unter Ärzten ist der neue Beruf nicht unumstritten. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sprach noch 2014 von der Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin: „Wir brauchen keinen Arzt light.“ Ein medizinisch qualifizierter Assistent „als Substruktur unterhalb des Arztberufes“ wäre höchst problematisch für Fragen der ärztlichen und juristischen Verantwortlichkeit und könne neue Probleme bei der Aufgabenverteilung schaffen. Mittlerweile scheinen diese Bedenken beiseite gewischt. Ende Mai dieses Jahres sprach sich der Deutsche Ärztetag für ein bundeseinheitliches Curriculum des Studiengangs Arztassistent aus, betonte aber gleichzeitig wie wichtig es sei, ein verbindliches Kompetenzprofil in klarer Abgrenzung zum Arztberuf festzulegen. Weiterer Auftrieb kommt vom Deutschen Krankenhausinstitut, das die neue Qualifikation evaluieren sollte. Nach einem Probezeitraum von fünf Jahren kam der Verband zu dem Schluss, dass Absolventen durch das Studium „in die Lage versetzt werden, patientennahe organisatorische und delegierbare medizinische Tätigkeiten vorzunehmen.“ Eine Fortführung des Studiengangs sei nachdrücklich zu empfehlen.

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