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Anonyme Arbeitssüchtige : Arbeiten wie im Rausch

  • Aktualisiert am

Immer am Smartphone - das ist Teil des Problems. Bild: Reuters

In Deutschland gibt es 15 Gruppen „Anonymer Arbeitssüchtiger“ – nach dem Vorbild der „Anonymen Alkoholiker“. Zwei Mitglieder berichten davon, was ihnen die Selbsthilfegruppe gebracht hat.

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          Nach Vorbild der Anonymen Alkoholiker treffen sich die Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS), um Wege aus der Sucht zu finden. Zwei Berlinerinnen, die in Wirklichkeit anders heißen, treffen sich regelmäßig im Prenzlauer Berg und berichten in einer Telefonkonferenz. Magda, 39 Jahre, Soziologin, hat einen 30-Stunden-Bürojob und ist zusätzlich Freiberuflerin in der Erwachsenenbildung. Johanna, 56 Jahre, ist Informatikerin und arbeitet als Lehrerin.

          Magda: Ich war nach dem Studium im ersten richtigen Job, der sehr fordernd war. Eine Freundin hat mich beim Abendessen gefragt: „Kann das sein, dass du arbeitssüchtig bist? Du bist wie auf Speed.“ Ich habe dann geweint. Sie hat mir die AAS-Gruppe herausgesucht. Ich bin hingegangen, habe mich damit identifiziert und wohlgefühlt. Ich war 30 Jahre alt und nach einem Jahr im Burn-out. Danach habe ich mich erst lange Zeit um meine Genesung gekümmert. Durch Zufälle bin ich an den Bürojob geraten, der schien mir nicht so herausfordernd, hat mir nicht so eine Angst gemacht. Ich habe mit wenigen Stunden angefangen und so langsam wieder Zutrauen bekommen. Wieder einen Vollzeitjob zu machen, traue ich mir nicht zu, da wäre mir zu viel Ehrgeiz drin. Auch bei meiner Freiberuflichkeit passe ich auf. Wenn ich ein Seminar gebe, bin ich eine Woche vorher schlecht gelaunt, kriege einen steifen Nacken, bin so angespannt, dass ich versagen könnte.

          Bei meiner allerersten Stelle hatte ich oft Angst und habe Arbeiten aufgeschoben. Was mir wichtig war, daran habe ich erst von 17 bis 21 Uhr gearbeitet, als meine Kollegen gegangen waren. Wie sich das angefühlt hat, bis spät zu arbeiten? Wie im Rausch. Wie rauschartiges Abarbeiten. Man spürt keine Müdigkeit mehr, keinen Hunger. Ich habe viel zu viel Kaffee getrunken. Auf der Heimfahrt habe ich schlecht atmen können. Zu Hause war ich todmüde oder schlecht gelaunt. Am Wochenende hatte ich null Kraft, wollte niemanden sehen.

          Das alles hat mit meinem schwachen Selbstwertgefühl zu tun, obwohl ich einen Super-Abschluss hatte. Vieles ist mir durch die Gruppe klar geworden. Ich bin in einer arbeitssüchtigen Familie aufgewachsen, wo nie irgendwas genug war. Wenn man exzellent war, galt das als selbstverständlich.

          Schon der erste Gruppenabend war für mich entspannend. Es gibt ungefähr so viele Frauen wie Männer. Wir haben klare Regeln und viel Ruhe. Es spricht nur eine Person im Raum. Wir geben uns kein Feedback, im Meeting nicht, außerhalb nur mit Erlaubnis.

          Johanna: Ich habe oft das Gefühl, laufend etwas erledigen zu müssen und dafür eine Bestätigung haben zu wollen. Das ist etwas, was nie aufhört.

          Magda: Das ist eine Illusion von vielen Arbeitssüchtigen, wenn ich aufhöre zu arbeiten, hört meine Sucht auf. Früher hieß das Managerkrankheit. Aber ich bin auch ohne Lohnarbeit süchtig.

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