https://www.faz.net/-gyl-wzm6

Zukunft der Arbeit : Im Takt der Maschinen

Bild:

Die Arbeit verändert sich, sie wird schneller und spezialisierter. Einerseits beklagen Gewerkschaften einen Rückfall in frühkapitalistische Verhältnisse. Andererseits sind die Beschäftigten heute seltener krank als früher. Sind sie auch zufriedener?

          4 Min.

          Kehrt der "Tramp" zurück? Zuletzt sah man diese liebenswert-tragische Figur Hand in Hand mit seiner Geliebten eine Straße entschwinden: arbeitslos, aber glücklich. Es war in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als sich Charlie Chaplin in der Rolle des Antihelden aufrieb im Kampf mit Maschinen, Fließbändern und Stechuhren. Der Film "Moderne Zeiten" geriet zur großen Abrechnung mit der industriellen Revolution und schrieb Filmgeschichte. "Eine Tragikomödie von bitter-ironischer Schärfe; mit einfachsten Mitteln, viel Bildwitz und Galgenhumor gestaltet, setzt der Film die vitalen Bedürfnisse des Menschen gegen die übertriebene Rationalisierung und Mechanisierung des Lebens", heißt es im Lexikon des internationalen Films. Szenen aus einem vergangenen Jahrhundert.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Doch glaubt man Gewerkschaftsvertretern, sind sie aktueller denn je. "Wir erleben ein arbeitspolitisches Rollback", sagt Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied der IG Metall. Dies sei ein Rückfall in einen plumpen Taylorismus. "Die Menschen stehen unter enormem Druck." Arbeit sei für viele definitiv schlechter geworden, stellt der Funktionär in der Zeitschrift "Mitbestimmung" fest. Betroffen seien alle Gruppen von Beschäftigten, auch die höher Qualifizierten. Arbeit werde wieder zerhackt in kleine, überschaubare Handgriffe: er spielt auf den Trend zu immer mehr Spezialistentum an. Den Unternehmen wirft Urban einen phantasielosen Rückfall vor in Hierarchien, auf kurze Takte und monotone Arbeit. Und die Schuld an dieser Entwicklung trage das Shareholdervalue-Regime, welches im Management kurzfristige Renditeinteressen höher ansiedle als das Wohl der Mitarbeiter. Ansätze einer innovativen Arbeitspolitik würden allmählich aufgefressen, findet Urban.

          Hohe Kosten durch Krankheit und Arbeitslosigkeit

          Die Folgen: Hohe Kosten durch Krankheit und Arbeitslosigkeit, die auf die Gesellschaft abgewälzt würden (Der eingebildete Gesunde). "Ist der Ingenieur verschlissen, wird er eben ausgetauscht, sollen die Sozialkassen doch für die ruinierte Gesundheit zahlen", formuliert der Funktionär sarkastisch. Für humane Arbeitszeiten und -bedingungen müsse eben ein wenig mehr Geld ausgegeben werden. Auch die Bundesregierung habe in ihrer Koalitionsvereinbarung den Begriff der "guten Arbeit" gebraucht, allerdings müsse der Rhetorik endlich auch die Praxis folgen. Urban nennt einen Startbetrag von 30 Millionen Euro, der für ein Programm zur Humanisierung der Arbeit notwendig sei. Profitable Unternehmen mit schlechter Arbeit, die Berufskranke auf Kosten der Allgemeinheit produzieren?

          Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) hat 20.000 Berufstätige nach ihren Arbeitsanforderungen und den daraus resultierenden Belastungen befragt. Heraus kam ein eher unspektakuläres Bild: Zwar gab jeder Zweite an, dass seine Arbeitsvorgänge sich ständig wiederholten. Jedoch weniger als 15 Prozent der Betroffenen sahen sich dadurch belastet. Nur ein Fünftel fühlte sich durch hochdetaillierte Vorschriften in der Arbeitsdurchführung stark eingeschränkt. Viel mehr Beschäftigte (40 Prozent) sahen sich - im Widerspruch zur Monotoniethese - vielmehr mit neuen Aufgaben konfrontiert.

          Termin- und Leistungsdruck

          Stärker ins Gewicht als die Frage nach der inhaltlichen Einschränkung fiel der starke Termin- und Leistungsdruck: Mehr als jeder Zweite arbeitete nach eigenen Angaben unter solchen Bedingungen, und fast 60 Prozent der Betroffenen belastete dies. Besonders interessant für Führungskräfte: Zwar hatten nur 17 Prozent das Gefühl, an der Leistungsgrenze zu arbeiten, von denen litten jedoch 70 Prozent unter der Situation.

          Weitere Themen

          Krisenzeit ist Frauenzeit

          Corona-Pandemie : Krisenzeit ist Frauenzeit

          Die Frauendezernentin und Frauenreferatsleiterin der Stadt Frankfurt sorgen sich um die Rolle der Frau in der Corona-Zeit. So werde es derzeit mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen, dass Väter ins Büro gehen und Mütter sich um ihre Kinder kümmern.

          Topmeldungen

          Ausschreitungen in Amerika : Die Polizei wird der Lage nicht Herr

          In Atlanta verletzt ein Wurfgeschoss einen Polizisten. In New York fährt ein Polizei-SUV in eine Menschenmenge. In Richmond wird ein Brand gelegt. Präsident Trump setzt auf die Armee, um „Amerika wieder großartig zu machen“.
          Das ungarische Parlament in Budapest

          Sondervollmachten sollen enden : War Ungarns Weg das richtige Modell?

          Die Sondervollmachten für Viktor Orbán haben viel Kritik hervorgerufen. Nun sollen sie enden – aber viele der von der ungarischen Regierung erlassenen Verordnungen werden in Gesetze umgewandelt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.