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Psychologie : Zu viele Bälle in der Luft

  • -Aktualisiert am

Multitasking - ein irreführender Begriff aus der Computerwelt Bild: fotolia.com

Wenn jeder alles gleichzeitig macht, arbeiten alle schneller. So denken viele Unternehmen noch immer. Dabei zeigen Studien, dass Multitasking nicht Zeit spart, sondern vor allem Geld kostet - und Nerven.

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          Am Telefon quengelt ein Kunde, per E-Mail mahnt der Chef die Tagesordnung einer Sitzung an, und im Posteingang liegen drei Präsentationen, die schon längst hätten fertig sein müssen. Wenn dann noch ein Kollege vor dem Schreibtisch steht und "wirklich ganz dringend" einen Fall besprechen will, "dann kann ich laut werden", gibt Markus Häberle unumwunden zu. Seinen wahren Namen möchte der Teamleiter im Servicecenter einer Versicherung lieber nicht in der Zeitung lesen. Alles zugleich erledigen, für alle stets ansprechbar sein - Häberles Jonglierspiel klingt nach Stress. Doch so ist der Alltag in deutschen Büros. "Multitasking", so der Fachbegriff, ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Mehr als zwei Drittel der "Schreibtischarbeiter", das zeigt eine aktuelle Erwerbstätigenbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, müssen täglich mehrere Vorgänge zugleich im Auge behalten. Viele fühlen sich dadurch extrem belastet, wenn nicht überlastet, zeigt die Studie.

          Bei Vorgesetzten stoßen sie selten auf Verständnis. "Natürlich muss man neben einem Telefonat auch eine E-Mail beantworten können", findet nicht nur Sörge Drosten, Partner der Unternehmensberatung Kienbaum. "Multitasking ist die essentielle Voraussetzung überhaupt, um im Wirtschaftsleben zu bestehen."

          Neurologen zweifeln

          Doch während in den Unternehmen alle einig sind, dass dank Handy, Laptop oder Blackberry alle immer erreichbar sein müssen und ihre diversen Projekte gleichzeitig bewältigen müssen, äußern Neurologen und Psychologen zunehmend Zweifel an diesem Konzept. Vor allem amerikanische Hirnforscher haben in den letzten Jahren wiederholt nachgewiesen, dass der Mensch eigentlich nicht in der Lage ist, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

          Wie auch, wenn schon Computer daran scheitern? Zwar kommt der Begriff Multitasking aus der Computerwelt - doch auch hier führt er in die Irre. Denn die einzelnen Tasks beanspruchen den Prozessor nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Nur geschieht dies in einer solchen Geschwindigkeit, dass der Eindruck von Gleichzeitigkeit entsteht. Beim Menschen funktioniert es nicht anders: Sie glauben nur, ihre Aufmerksamkeit mehreren Dingen gleichzeitig zu widmen. Tatsächlich zeigen Studien am Institut für medizinische Psychologie an der LMU in München, dass ihre Aufmerksamkeit immer hin und her springt. Mit fatalen Folgen: Viele Informationen werden nicht nachhaltig verarbeitet.

          Alles andere als effektiv

          Alle Bälle zugleich in der Luft zu halten ist auch alles andere als effektiv: David Mayer und Jeffrey Evans, Neurologen der University of Michigan, fanden heraus, dass das menschliche Gehirn um 20 bis 40 Prozent weniger leistungsfähig ist, wenn es gleichzeitig verschiedene Aufgaben bewältigen muss. Das Resümee der Forscher: "Man gewinnt durch Multitasking keine Zeit, sondern verliert sie." Denn erstens mache man Fehler, die man hinterher ausbügeln muss, und zweitens koste es immer wieder Zeit, sich in die nächste Aufgabe einzudenken. Wieder passt die Parallele zum Computer: Um Kapazitäten für ein neues Programm zu bekommen, muss er oft ein altes schließen. Fährt er dieses später wieder hoch, kostet das Zeit.

          Diese Zeit kostet die Unternehmen wiederum Geld, wie der New Yorker Unternehmensberater Jonathan Spira kürzlich im "Spiegel" beschrieb. Spira hatte amerikanische Manager nach ihren Arbeitsgewohnheiten befragt und kam zu dem Ergebnis, dass der amerikanischen Wirtschaft durch ständiges Themenhopping jedes Jahr 28 Milliarden Arbeitsstunden verlorengingen. Bei einem Arbeitslohn von 21 Dollar je Stunde ergibt das ein Minus von 588 Milliarden Dollar. Andere Fachleute halten dies noch für eine konservative Rechnung, weil die gesundheitlichen Spätfolgen nicht berücksichtigt werden. Die Krankenkasse AOK beschreibt in ihrem Wellness-ABC Nervosität, Bluthochdruck und Schlafstörungen als typische Folgen des Gleichzeitigkeitswahns.

          Ein guter Multitasker widmet sich daher nicht mehreren Aufgaben zugleich, sondern setzt die Prioritäten richtig. Das sagt Knut Krämer, Leiter Personalmarketing bei der Citybank. Krämer erwartet von Mitarbeitern auch nicht, dass sie zeitgleich telefonieren und E-Mails schreiben. "Schon gar nicht, wenn Kunden vor ihnen sitzen." Sie sollten aber für alle Kommunikationswege offen sein und im Einzelfall entscheiden, welche Nachricht wichtig genug ist, um Gespräche zu unterbrechen.

          „Flexibel und situativ handeln“

          "Flexibel und situativ handeln", nennt Mark Reinecke, Leiter Management Development bei der Eurocopter-Gruppe, diese Interpretation von Multitasking, der sich wohl die meisten Personalverantwortlichen anschließen können. Diese Fähigkeit prüfen sie schon im Vorstellungsgespräch durch spezielle Fragetechniken. Wer scheitert, bekommt erst gar keinen Vertrag, wer es später im Berufsalltag nicht schafft, muss gehen. Reinecke betont die Chancen der neuen Kommunikationsmittel. Ohne sie könne man den Arbeitsalltag heute nicht mehr bewältigen. Letztlich, so der Personalleiter, bedeute gutes Multitasking also nichts anderes, als den Überblick zu behalten.

          Und Iring Koch, Psychologe an der Technischen Hochschule Aachen, ist überzeugt: Wer seine Aufgaben und Projekte nacheinander abarbeitet, arbeitet unter dem Strich schneller und lebt gesünder. Sein Rat an gestresste Multitasker ist so einfach wie klar. Das E-Mail-Account und die Tür auch einfach mal schließen.

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