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Zirkus-Management : Immer ein Kind bleiben

Roncalli: ein Biotop der Phantasie Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Kein leichter Job: Zirkusdirektoren bewegen sich zwischen Kunst und Kommerz und müssen gegen den schlechten Ruf ihrer Branche kämpfen.

          4 Min.

          Vor ein paar Wochen musste Bernhard Paul einen Vortrag vor erfolgreichen Immobilienmaklern halten. Seine Vorredner widmeten sich Umsätzen und Gewinnen. Er sprach von einem Kindheitstraum und davon, dass es nicht um Erfolgsstatistiken gehe. 1976 gründete Bernhard Paul zusammen mit André Heller den Circus Roncalli, führte ihn später alleine weiter. In einem Kölner Industriegebiet hat er sich seine kleine Traumwelt errichtet, ein Haus aus den fünfziger Jahren zu einer Villa umgebaut. Als Kind entdeckte Paul seine Liebe zum Zirkus. Mit fünf Jahren besuchte er einen kleinen Wanderzirkus. „Es war eine faszinierende, wundervolle andere Welt. Artisten und schöne geschminkte Frauen. Das ist mein Leben.“

          Philip Eppelsheim

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Paul studierte Hoch- und Tiefbau, danach Grafik, war als Art Director einer Werbeagentur und einer Zeitschrift tätig. „In Wirklichkeit habe ich Zirkusdirektor studiert.“ Er wollte dazugehören, zu der Welt, die er als Kind kennengelernt hatte. Doch er fand sie nicht, zu sehr hatte er den Zirkus idealisiert. „Ich musste meinen Zirkus erfinden.“ So entstand Roncalli, mit dem Paul versucht, seine Kindheitsideale zu verwirklichen und etwas Vergangenes zu bewahren. Ein Zirkusdirektor müsse immer Kind bleiben, sagt er.

          Viele Glücksritter und Totengräber im Gewerbe

          Rund 350 Zirkusse gibt es in Deutschland, die von Stadt zu Stadt ziehen und sich bemühen, eine heile Zirkuswelt zu verkaufen. Eine Welt, die es nicht mehr gibt, sagt Paul. Doch die Zirkuswelt sei schwer zu durchschauen. „Zirkusse sind wie eine Zwiebel, immer wieder nur Haut, man kennt die Zirkuswelt nie.“ Die guten, heilen Zirkusse seien schon längst eingegangen, viele Glücksritter und Totengräber seien in dem Gewerbe unterwegs, das trotz allem noch immer ein Hauch von Romantik umgibt. Es gebe viel mehr schlechte als gute Zirkusse. So sei es zu verstehen, dass Zirkusse einen zwielichtigen Ruf haben. „Der größte Feind des Zirkus ist der Zirkus. Und dann kommt die Bürokratie.“ 90 Prozent der Zirkusse seien unseriös. „Schauen Sie doch mal im Winter vor die Kaufhäuser. Da stehen sie dann mit einem Pony und betteln. Diese ewige Mitleidsmasche.“ Zirkusleute, die ihren Beruf noch als Kunst verstünden, gebe es kaum. Da sei es schwer, sich einen Ruf zu erarbeiten und wirtschaftliches Vertrauen zu genießen. Denn das gehöre ebenso dazu wie die Liebe zum Zirkus.

          Bernhard Paul mit seinem Clown und Schwager David
          Bernhard Paul mit seinem Clown und Schwager David : Bild: picture-alliance/ dpa

          Paul ist nicht nur Clown und Zirkusdirektor, er ist auch Manager. Um den Zirkus am Leben zu erhalten, veranstaltet er Varietés, Galas und Antikmärkte, ist der Sechzigjährige immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Er redet zwar nicht gerne über Finanzielles, doch betragen allein die täglichen Ausgaben mehr als 20.000 Euro. „Aber Zahlen interessieren mich nicht. Das Geld ist nur notwendig auf dem Weg zum Ziel“, sagt er. Er produziere Glück, wolle Menschen zum Lachen bringen. „Es geht mir um meinen Zirkustraum, um ein Biotop der Phantasie.“ Und er sei der Vater dieses Biotops. Schließlich habe es in den vergangenen Zirkuszeiten schon immer diesen Typus von Direktor gegeben, der Unheil von seinen Artisten abwenden möchte.

          Täglich 25.000 Euro Kosten

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