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Zahlen im Berufsleben : Bauch gegen Kopf

Wie sehr sollte man im Job auf das Bauchgefühl hören? Diese Frage beschäftigt auch die Wissenschaft Bild: AP

Im Job interessiert oft nur eins: die nackten Zahlen. Vor allem in der Finanzbranche ist das der Fall. Für einige Forscher ist das auch eine Ursache für die weltweite Wirtschaftskrise. Sie plädieren dafür, dass Mitarbeiter wieder häufiger ihrem Bauchgefühl folgen.

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          Irgendwann hat Tim Albrecht genug gesehen. Lange hat der Fondsmanager der DWS Investment GmbH einen Hersteller für Datenträgerproduktionsanlagen in seinem Portfolio gehalten, auch weil das Unternehmen mal „ein Highflyer des neuen Marktes war“, wie Albrecht sagt. Doch nun reicht ihm ein Blick auf den aktuellen Kursverlauf, um zu entscheiden: Der Wert muss raus aus seinem Portfolio. „Kurse lügen selten“, sagt Albrecht, als er den Aktienchart betrachtet, dessen letzter Wert inzwischen am unteren rechten Rand seines Bildschirms angelangt ist. Doch gibt für ihn nicht allein der Verlauf der Aktie den Ausschlag dafür, den Wert gerade jetzt abzustoßen. „Ich habe ganz einfach das Vertrauen ins Management verloren“, sagt Albrecht. Die Unternehmensleitung habe lange Zeit nicht kommuniziert, dass demnächst riesige Abschreibungen anstünden. „Wenn mir das Management etwas Falsches erzählt, ist das für mich ein K.-o.-Kriterium.“

          Urteile wie diese treffen Mitarbeiter in der Finanzbranche tagtäglich. Sie sind eine Mischung aus Kopfentscheidung und Bauchgefühl, je nach Typ überwiegt mal eine reine Zahlenhörigkeit, mal die Intuition. Bis vor einigen Jahren haben immer mehr die nackten Zahlen das Geschäft bestimmt. Doch mit der Finanzkrise kam die Ernüchterung: Viele modell- und zahlengetriebene Entscheidungsträger haben quasi über Nacht ihre Zauberfähigkeiten eingebüßt. Mehr noch: Ihre Magie hatte sich ins Schwarze gewendet.

          Einfache Strategien, Erfahrung und Intuition sind wichtig

          Viele Experten sahen anfangs die Gründe der Finanzkrise in einer gefährlichen Mixtur aus vier Bestandteilen: Die Grundlage bildete eine unseriöse Kreditvergabe an Menschen, die über mangelnde Bonität verfügten. Dann unterschätzten die Finanzmarktteilnehmer Risiken. Garniert wurde dies schließlich noch mit fehlerhaften Methoden in den Unternehmen der Finanzwirtschaft und mit der Gier der Chefetagen. Doch bald wurde klar, dass dieses einfache Rezept nicht ausreichte, um die Ursachen der Krise hinreichend zu beschreiben. Es tauchten Fragen nach dem Risikomanagement auf und danach, ob die Gier womöglich den gesunden Menschenverstand der Entscheidungsträger ausgeschaltet hatte.

          Auch die Wissenschaft hat inzwischen Ursachenforschung betrieben. So stellt etwa Amar Bhidé, der an der amerikanischen Tufts University internationale Betriebswirtschaft lehrt, in seinem Buch „A Call for Judgment: Sensible Finance for a Dynamic Economy“ fest, dass die Finanzwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten zentralisierter, distanzierter und mechanischer geworden sei. In einem Artikel für den „Harvard Business Review“ beklagte Bhidé, dass deshalb ein Beurteilungsdefizit existiere. „In der letzten Zeit hat sich eine zentralisierte Kontrolle etabliert, die nicht das Werk altmodischer Regelwerke ist, sondern das Werk statistischer Modelle“, schreibt Bhidé. „Wenn wir das Primat des menschlichen Urteils erhalten wollen, müssen wir uns statistische Modelle nutzbar machen und dürfen uns ihnen nicht komplett unterwerfen.“

          Der Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor des Zentrums für Adaptives Verhalten am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, präzisiert: „Eine Ursache der Finanzkrise, war die Gläubigkeit in die Fähigkeit, den Markt vorherzusagen. Hier wurden zwar komplexe statistische Methoden verwendet, aber genau diese sind in manchen Entscheidungssituationen oft nicht die besten.“ Vor zwei Jahren hat Gigerenzer sein Buch „Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ veröffentlicht. Vor kurzem hat er nun die Entscheidungen von Managern im Marketing und in der Finanzbranche noch einmal genauer untersucht. „Man verlässt sich dort auf Programme. Und diese Programme, die irgendwelche Indizes vorhersagen, sind nicht immer gut“, weiß Gigerenzer. „In unseren Studien haben wir gezeigt, dass die Lösung komplexer Probleme unter Unsicherheit durch einfache Strategien, Erfahrung und Intuition besser erreicht werden können.“

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