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Illustration: Kai Simons

Hey Boss, ich will mehr Zeit!

Von BRITTA BEEGER und NADINE BÖS
Illustration: Kai Simons

27.04.2019 · Mehr Urlaub, Home Office, Sabbatical: Der Arbeitnehmer von heute ist auf eine gute Work-Life-Balance bedacht. Woher kommt das? Und was heißt es für die Wirtschaft?

W enn der Wind gut ist, packt Andreas Hoheisel kurzerhand nach der Mittagspause seine Sachen und fährt zum Rummelsburger See, einem Seitenarm der Spree. Dort liegt sein kleines Boot. Dann geht er erst mal eine Runde segeln. Die Arbeit kann warten. Wenn es draußen dunkel ist, setzt sich Hoheisel oft noch einmal zu Hause an den Schreibtisch.

Andreas Hoheisel arbeitet als mittlere Führungskraft bei Bosch in Berlin. Der Softwareentwickler ist Vorgesetzter von 14 Leuten und beschäftigt sich hauptsächlich mit vernetzten Mobilitätsdiensten für Autos. Seit 2011 arbeitet er für das schwäbische Zulieferunternehmen in unterschiedlichen Funktionen; seit neuestem gilt für ihn eine ganz spezielle tarifliche Regelung: Der sogenannte Innovationstarifvertrag, den Bosch mit der Gewerkschaft IG Metall für die „digitale Elite“ im Unternehmen geschlossen hat, erlaubt ihm, zwischen 35, 38 oder 40 Arbeitsstunden in der Woche zu wählen. Für ihn herrscht Vertrauensarbeitszeit und eine komplett freie und flexible Einteilung seiner Stunden. Er kann kommen und gehen, wann er will, und seine Leistung erbringen, wo er will. Er darf mitten am Tag segeln und in der Nacht arbeiten. Außerdem ist es für ihn möglich, ein kurzes Sabbatical einzulegen, wenn er mal mehr Freizeit braucht.

Hoheisel hat sich dafür entschieden, 40 Stunden in der Woche zu arbeiten – „als Führungskraft hat man ja oft so viel zu tun, dass die meisten Tage eher zu kurz sind für all die Aufgaben“, sagt er. Er legt aber auch viel Wert auf Freizeit und Flexibilität. Deshalb nimmt er sich demnächst einen ganzen Monat lang eine Auszeit, um mit seiner 16 Jahre alten Tochter im Wohnmobil durch die Vereinigten Staaten zu reisen. Die Tochter verbringt dort gerade ein High-School-Jahr, und Hoheisel hat sie lange nicht gesehen. In den Sommerferien will er sie daher persönlich in Amerika abholen und viel Zeit mit ihr verbringen.

Grau war gestern: Firmen sind darauf bedacht, dem Büro-Klischee ein Ende zu setzen. Denn fühlt es sich auf der Arbeit nicht ganz so sehr nach Arbeit an, sind die Mitarbeiter vielleicht gleich etwas zufriedener. Wie das in der Praxis aussehen kann, hat sich unser Fotograf Jens Gyarmaty in Berliner Büroräumen von Google angesehen.

Solche Wünsche, wie Andreas Hoheisel sie hat und auch schon fleißig in die Tat umsetzt, wurden in der Vergangenheit eher der jungen Generation zugeschrieben. Freizeithunger, geringer Ehrgeiz – so seien vor allem die nach 1980 Geborenen, hieß es noch bis vor kurzem. Heute setzt sich allerdings immer mehr die Erkenntnis durch, dass der Wunsch nach anderen Arbeitszeitmodellen keineswegs nur Sache der Jüngeren ist.

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