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: "Wo ich schrieb, da waren Fehler"

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Heute hat sich die Situation zumindest im schulischen Bereich in fast allen Bundesländern deutlich verbessert. Vorurteilsfrei werde aber immer noch nicht mit der Problematik umgegangen, betont Höinghaus. Die Folgen seien gravierend: "Wenn im Abschlusszeugnis steht, dass aufgrund der Legasthenie auf die Bewertung der Rechtschreibleistung verzichtet wurde, kommt so manches Vorstellungsgespräch erst gar nicht zustande." Und egal, ob Legastheniker eine Ausbildung machen oder studieren, am Ende müssen sie meist gravierende Nachteile in Kauf nehmen. In allen Abschluss- und Aufnahmeprüfungen geht es auch um Lesen und Schreiben, selbst in Assessment Centern für Ingenieure oder Informatiker wird Rechtschreibung bewertet. "Dabei sind gerade Legastheniker oft für technische und naturwissenschaftliche Berufe prädestiniert", betont Höinghaus.

Zwar schreiben inzwischen erste Gerichtsurteile vor, dass zumindest im Studium Rücksicht genommen werden muss. Doch während es in den Vereinigten Staaten längst selbstverständlich ist, dass Legastheniker ihre Prüfungen weitgehend mündlich ablegen können, muss hierzulande jeder Einzelfall hart erkämpft werden.

Nur wenige Prominente bekennen sich

Auch Prominente trauen sich nicht immer, offen zu ihrem Handicap zu stehen. Einige ausländische Stars wie der Schauspieler Orlando Bloom bekennen sich zu ihrer Krankheit. Doch hierzulande sucht der BvL seit Jahren vergebens nach berühmten Paten, die um mehr Verständnis für die Situation der Legastheniker werben könnten. Zwar singt Reinhard Mey: "Wo ich schrieb, da waren Fehler", aber er macht "Sybille" dafür verantwortlich, dass es ihm schwerer fiel als anderen, Silben richtig zu erkennen und zusammenzusetzen. Und in der Wirtschaft hält man sich noch bedeckter. Comic-Zeichner Walt Disney und der Auto-Mogul Henry Ford sollen Legastheniker gewesen sein. Und Ferdinand Piëch beschreibt immerhin in seiner Autobiographie, dass sein Kampf mit den Buchstaben in der Schulzeit ihn zum Wechsel auf ein Internat brachte.

Doch damit das Thema in der Arbeitswelt ankommt, braucht es mehr Positivbeispiele. Das sagt nicht nur Brigitte Marx-Lang, Karriereberaterin in Frankfurt. Denn tatsächlich, weiß auch Marx-Lang aus ihrem Beratungsalltag, bringen gerade Legastheniker oft genau die Eigenschaften mit, die derzeit händeringend gesucht werden: analytisches Denken, ein brillantes räumliches Vorstellungsvermögen, mathematische Begabung und vor allem eine große Stressresistenz. Denn bis heute gilt: Schule und Studium schafft der Legastheniker nur, wenn er was aushalten kann.

Der Vorwand der Sauklaue

Allerdings: Sosehr Offenheit immer wieder gefordert wird, vor dem Einstieg ins Berufsleben raten Fachleute davon ab. Dazu seien die Vorurteile der Personaler noch zu massiv. Bewerbungen müsse man selbstverständlich fehlerfrei abgeben. Das kann Grimms Sohn Martin, Assistenzarzt in Köln, bestätigen. Der heute Dreißigjährige hat zwar in Schule und Studium immer offen über seine Einschränkungen geredet und rät dies auch allen anderen Betroffenen. Je näher der Einstieg ins Arbeitsleben jedoch kam, umso bewusster sei ihm geworden, wie wenig bekannt das Krankheitsbild sei. Bei seinen Bewerbungen erwähnte er es daher nicht. Erst nachdem die Probezeit vorbei war und Grimm durchweg positive Beurteilungen vorweisen konnte, traute er sich, offen zu seiner Behinderung zu stehen. Warum auch nicht: Bei Arztbriefen helfe ein Rechtschreibprogramm und ohnehin, sagt Grimm lächelnd, seien Ärzte ja für ihre "Sauklauen" bekannt. Ob das Zufall ist? Grimm will sich dazu nicht äußern. Aber jahrzehntelang, so ein anderer Betroffener, "verliefen Medizinerprüfungen ausschließlich mündlich". Das Ergebnis: lauter hochqualifizierte Experten.

Für Legastheniker da:

-Umfassende Informationen und Kontakte zu Selbsthilfegruppen gibt es beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. : www.legasthenie.net

-Adressen von Trainern für Erwachsene gibt es unter www.legasthenieverband.com

-Ebenfalls auf die Schulung von Erwachsenen hat sich Heidi Brüchert spezialisiert: www.denk-wechsel.de

-Buchtipp auch für Erwachsene: Gerd Schulte-Körne: Elternratgeber Legasthenie, Kaur Verlag, 16,90

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