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Zuwanderung : Das Potential klug begrenzter Vielfalt

  • -Aktualisiert am

Auch die deutsche Wissenschaft muss Zuwanderer willkommen heißen. Bild: dpa

Auch die Wissenschaft braucht Zuwanderung. Doch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Denn schon einmal hat ein vergiftetes Klima kluge Köpfe aus Deutschland vertrieben.

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          Wieder ist in unserem Land eine Debatte über die Zuwanderung entbrannt. Sie hat eine Wucht, die unsere Gesellschaft zu spalten droht. Leicht geraten dabei wesentliche Fakten aus dem Blick. So ist Migration kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Es hat sie immer schon gegeben, ausgelöst durch existentielle Bedrohungen oder durch die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen andernorts. Auch Deutsche waren einst in nicht geringer Zahl Migranten.

          In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten über fünf Millionen von ihnen in die Vereinigten Staaten aus. Und auch sie kamen dort (so wie heute die afrikanischen Flüchtlinge) mit nicht viel mehr als den Kleidern an ihrem Leib an. Als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort haben die Vereinigten Staaten maßgeblich von der Einwanderung profitiert.

          Auch Deutschland ist seit langem Einwanderungsland. Schon im Zuge der Industrialisierung kamen eine halbe Million Menschen vor allem aus Polen ins Ruhrgebiet. Meine akademische Heimatstadt Bochum hatte um 1800 kaum mehr als zweitausend Einwohner. Hundert Jahre später waren es 117.000. Diese Zahl hat sich bis heute verdreifacht, auch durch den Zuzug von „Gastarbeitern“ aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei nach 1960. Das Zusammenspiel der verschiedenen Nationalitäten brachte die industrielle Kultur hervor, die das Ruhrgebiet noch heute prägt.

          Nicht nur Asyl-, sondern Einwanderungspolitik vorantreiben

          Nach wie vor kommen die meisten Migranten aus dem europäischen Raum zu uns. Mehr als drei Viertel der Zuwanderer stammt aus der Europäischen Union. Doch auch die Zuwanderung aus Asien und Afrika hat zugenommen. Mittlerweile leben tatsächlich Menschen aus zweihundert verschiedenen Ländern in unserem Land. Sie unterscheiden sich nicht mehr nur durch Nationalität und Sprache, sondern auch durch ihre religiösen Traditionen, ihre kulturellen Werte, ihre Geschlechternormen und Lebensstile.

          Der Streit entzündet sich an der Frage, ob unsere Gesellschaft das Potential wachsender Vielfalt nutzen kann. Genau darin liegt die Herausforderung! Angesichts des demographischen Wandels werden wir auf Zuwanderung nicht verzichten können. Dabei geht es nicht nur um ausländische Fach- und Führungskräfte, sondern auch um die wachsende Zahl von Saison- und Pflegekräften, Bildungsmigranten mit Stipendien und Studentenvisa. Hinzu kommen Flüchtlinge, Asylbewerber und Menschen, die aus Gründen der Familienzusammenführung hierhergekommen sind.

          Viele Faktoren haben einen Einfluss darauf, wie sich Einwanderer in unser Land integrieren, ob sie sich niederlassen, erwerbstätig werden, Wohnungen finden, ob sie Zugang zu Schulen und anderen öffentlichen Dienstleistungen erhalten. An diesen Dingen entscheidet sich, ob sie an ihren Herkunftsort gebunden bleiben oder nicht. Wir brauchen daher in Ergänzung zur deutschen Asylpolitik eine kluge Einwanderungspolitik und ein modernes Einwanderungsgesetz.

          Wir können von ihnen nur profitieren

          Dieses muss von einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung getragen werden. Es muss sich zu Einwanderung bekennen, Bedürfnisse des Landes berücksichtigen und Integrationswillen voraussetzen. Für Wissenschaft und Wirtschaft ist dies besonders wichtig. In der Max-Planck-Gesellschaft kommt inzwischen jeder dritte Direktor und jeder zweite Doktorand aus dem Ausland, verteilt auf 120 Länder dieser Erde. Viele unserer Doktoranden möchten am Ende nicht unbedingt in der Wissenschaft, dafür umso mehr in Deutschland bleiben.

          Wir können von ihnen nur profitieren. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass gerade in Regionen mit einer heterogenen Bevölkerungsstruktur eine ausgeprägte wirtschaftliche Dynamik einsetzt, sofern ein Klima der Toleranz herrscht. Die jüngsten Terroranschläge in Paris machen eine sachliche Debatte über die Chancen und Risiken der Einwanderung nicht leichter. Insofern bin ich froh, dass so viele Menschen in Deutschland ein Zeichen für eine offene Gesellschaft gesetzt haben.

          Schon einmal haben Wissenschaftler unser Land verlassen - unter ihnen so namhafte Persönlichkeiten wie Albert Einstein oder Lise Meitner -, weil das Klima vergiftet war. Deutschland hat damals seine Vormachtstellung in der Wissenschaft an die Vereinigten Staaten verloren, deren Aufstieg zur Wissenschaftsnation damit überhaupt erst begann. Heute schätzen wir uns glücklich, dass selbst jüdische Wissenschaftler aus Israel wieder an unsere Institute kommen, und zwar nicht nur als Gastwissenschaftler, sondern auch als Direktoren, die ihr ganzes Wissenschaftlerleben bei uns verbringen wollen. Deutschland ist heute wieder eines der beliebtesten Länder weltweit. Dabei soll es bleiben.

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