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Wirtschafts-Senioren : Alte Berater für junge Unternehmen

  • -Aktualisiert am

Viel Zeit haben: ein Pluspunkt, aber auch ein Minuspunkt

Er beobachtet, dass Ältere gerne ausführliche Konzepte schreiben, während junge Start-up-Gründer einfach mal eine Beta-Version des Produkts auf den Markt bringen und schauen, wie es läuft. Zu Irritationen könne auch führen, dass Ältere meistens mehr Zeit haben als Jüngere - wie jener Mann, der die Bauernfamilie beraten hat, zum Beispiel. Dass sie reichlich Zeit haben, ist gleichzeitig ein riesiger Pluspunkt der Wirtschafts-Senioren. In Deutschland kooperieren viele von ihnen mit der Agentur für Arbeit und mit Banken. Sie begutachten, ob Konzepte von Gründern schlüssig sind. Im Unterschied zu Mitarbeitern von Behörden und Banken können sie sich stundenlang mit dem angehenden Unternehmer unterhalten, so wie Friedrich-Karl Marcus aus Hamburg: Er beriet einen Mittvierziger, der als Selbständiger nur mäßigen Umsatz erzielte. „In sechs Sitzungen haben wir mit grafischen Tools seinen Lebensweg, seine Erfolge und Wünsche aufgelistet“, sagt Marcus, der sich auf dem Gebiet des Coachings weitergebildet hat. „Schließlich stellten wir fest, dass für ihn eine leitende Angestelltenposition günstiger ist als die Selbständigkeit. Wir fanden auch eine tolle Stelle für ihn.“

Im Unterschied zu manchen jüngeren Beratern und Coaches wagen die Senioren eher mal ein offenes Wort und erweisen sich, wenn’s nötig ist, als Bremser. „Schließlich wollen wir die Leute vor Fehlern bewahren, die wir selbst begangen haben“, sagt Klaus-Dieter Eberding von den Wirtschafts-Senioren in Osnabrück. Er erzählt von Ratsuchenden mit seltsamen Vorstellungen: „Sie haben gehört, dass ein Kumpel mit einer Geschäftsidee erfolgreich ist, haben aber keine Ahnung von der Materie. Nun wollen sie das Gleiche tun, weil gerade irgendwo ein Laden frei geworden ist“, sagt er. „Wenn sie absolut nicht die Befähigung zum Unternehmer haben, sagen wir ihnen klipp und klar, dass die Idee zum Scheitern verurteilt ist.“ Andere Ratsuchende kommen ganz ohne Pläne zu den Wirtschafts-Senioren, „und wir sollen denen dann erzählen, was sie beruflich machen sollen“. Potentiellen Gründern, die aus anderen Ländern stammen, hat Eberding schon geduldig erklärt, dass sie als Selbständige in Deutschland Steuern zahlen müssen. „Die kannten das aus ihrer Heimat nicht.“

In Osnabrück, Hamburg und vielen anderen Städten ist der Anteil der Migranten unter den Ratsuchenden relativ hoch. Viele stammen vom Balkan, aus der Mittelmeerregion oder aus der Türkei. „Sie wollen aber keine Imbissbude aufmachen, sondern etwas Anspruchsvolleres tun - etwa ein Import-Export-Geschäft eröffnen“, sagt Friedrich-Karl Marcus aus Hamburg. Der Anteil potentieller Gründer unter den Ratsuchenden ging seit 2011 allerdings zurück: Es ist jetzt schwieriger, staatliche Fördergelder zu bekommen. Trotzdem fühlen Marcus und seine Mitstreiter sich gefordert. Einen Gründer zu beraten sei relativ einfach, meint er. An deren Stelle hat er es jetzt öfter mit komplexeren Fällen zu tun. Neulich ging es um ein Spielwarengeschäft, das neben all den Einkaufsketten und Internetversandhäusern überleben soll. Immer häufiger erhält Marcus auch Anfragen von Unternehmern, die einen Nachfolger suchen. „Das ist besonders kompliziert, wenn sie erst ein halbes Jahr vor der geplanten Pensionierung zu uns kommen.“

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