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Wirtschaft in der Schule : Lehrerin mit Laptop und Kostüm

Von Bullen und Bären: Andrea Schruff ist Vermögensberaterin - und erklärt Schülern, was der Dax ist Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Mit Praktikern aus den Unternehmen kann der Lehrermangel nicht grundsätzlich bekämpft werden. Doch können sie helfen, Lücken zu schließen. Zum Beispiel in Berlin: Dort erklären Banker den Schülern, wie der Dax funktioniert und wofür Bulle und Bär stehen.

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          Auch das altehrwürdige humanistische Gymnasium Steglitz in Berlin ist schon lange von der Realität eingeholt worden. Während das historische Backsteingebäude von außen beeindruckend aussieht, herrscht im Inneren dieselbe gestalterische Langeweile wie in vielen Schulen: graubrauner Plastikboden, kahle Wände, vermackte Holzmöbel, grelles Neonlicht. In dieser Umgebung erkennt man rasch, wer die Frau aus der Bank ist. Andrea Schruff trägt ein elegantes dunkelblaues Kostüm, eine rosa Bluse und eine randlose Brille. Die Vermögensverwalterin der Berliner Weberbank ist in die Schule gekommen, um Schülern der 12. Klasse etwas über Finanzmärkte beizubringen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Dass Schruff das Gymnasium Steglitz für den Wirtschaftsunterricht ausgesucht hat, ist kein Zufall. Ihre beiden Töchter besuchen die Schule; die ältere hat dort gerade Abitur gemacht. So hat Schruff feststellen können, dass selbst Schülern, die kurz vor dem Abitur stehen, grundlegende Wirtschaftskenntnisse fehlen. Nach ihrer Erfahrung wird Wirtschaft nur unterrichtet, wenn sich der Lehrer dafür interessiert. „Doch wie sollen die Schüler als Wähler über Wirtschaftspolitik entscheiden, wenn sie nichts darüber gelernt haben?“, fragt sie.

          Ein Lehrer, der sich für Wirtschaft interessiert, ist Werner Goller. Er trägt Jeans, eine Brille mit schwarzem Rand und ein weites T-Shirt, dessen Schriftzug ihn als Fan der Rockband Tocotronic ausweist. Goller unterrichtet am Gymnasium Steglitz Wirtschaft und findet, dass es in Berlin viel zu wenig Wirtschaftsunterricht gibt. „Das Problem ist, dass es kein eigenständiges Fach Wirtschaft gibt“, kritisiert er. Goller selbst hat Geschichte und Germanistik studiert, Wirtschaft unterrichtet er nun zum ersten Mal. Die neue Herausforderung bereite ihm aber Freude - wohl auch deshalb, weil die Wirtschaftskrise Interesse und Beteiligung der Schüler anregt. Und weil Goller „immer offen für Neues“ ist, heißt er es gut, dass ihn Andrea Schruff und einige ihrer Kollegen unterstützen.

          Wie Finanzmärkte funktionieren

          Mitarbeiter der Weberbank sind im zweiten Halbjahr dreimal ans Gymnasium Steglitz gekommen, um den Schülern zu erklären, wie die Finanzmärkte funktionieren. Über die Rolle der Banken haben sie gesprochen, über Eigen- und Fremdkapital, Aktien, Renten und andere Wertpapiere. Danach haben die Oberstufenschüler einen Tag lang die Bank besucht, wo sie über den richtigen Umgang mit Geld informiert wurden. Außerdem haben sie dort ein Börsenspiel gespielt und im Wirtschaftsteil einer Zeitung gelesen.

          Andrea Schruff schaltet ihren Laptop ein. Zuerst will sie von den Schülern wissen, warum Bullen für steigende und Bären für fallende Aktienkurse stehen. Sie muss es selbst erklären: „Es geht um die Gerichtetheit des Kampfverhaltens. Der Bär schlägt mit der Tatze von oben nach unten, der Bulle hingegen nimmt sein Opfer von unten nach oben auf die Hörner.“ Nach diesem auflockernden Anfang erklärt Schruff den Schülern in einem anderthalbstündigen Vortrag, was sie tagtäglich in ihrem Beruf als Vermögensverwalterin macht. „Ich versuche zu verstehen, warum die Kurse steigen oder fallen werden.“ Sie erläutert Begriffe, deren Kenntnis Grundvoraussetzung für das Verstehen von Wirtschafts- und Börsennachrichten sind. Zwei Schülerinnen beurteilen den Vortrag danach als „gut, interessant und lebensnah“. Eine freut sich, dass sie nun endlich weiß, was der Dax ist.

          Schruff und ihre Kollegen veranstalten diese „Schola Pecunaria“, wie sie ihre Veranstaltungsreihe nennen, schon zum zweiten Mal. Zuletzt haben die Banker die Schüler schriftlich nach ihrem Urteil gefragt und eine sehr anschauliche Wissensvermittlung bescheinigt bekommen. Nun hofft Schruff, dass ihr Beispiel und das einiger anderer Banken Schule macht. Auch die Citibank und die Deutsche Bank etwa schicken - freilich in größerem Stil - Mitarbeiter in die Schulen, um vor allem Wissen im Umgang mit Geld zu vermitteln. Diese Art Unterricht sei auch für Nichtpädagogen „kein Hexenwerk“, sagt Schruff - auch wenn ein gewisses Sendungsbewusstsein nicht schade. „Ich erzähle einfach, was ich im Beruf mache, natürlich in aufbereiteter Form.“

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