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Wir wollen's wissen (6) : Das etwas andere Wertpapier

Eine Promotion will gut überlegt sein Bild:

Eine Promotion erfordert Disziplin und Verzichtbereitschaft. Manchmal zahlt sich das aus. Aber ein Selbstläufer für die Karriere ist der Doktortitel nicht. Hauptsache, der harte Weg zum Dr. ist keine Verlegenheitslösung.

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          Jens Engelmann klingt wie ein zufriedener Mensch, der sich das Beste aus zwei Welten geangelt hat. Er arbeitet für die Strategieberatung Booz & Company in München und ist zwei Jahre freigestellt, um in Berlin seine Dissertation zu schreiben. An der Steinbeis-Hochschule forscht er über "Wirkungsparameter von Kundenzeitschriften" und hat 1000 Kunden am Telefon befragt. "Die Empirie liegt hinter mir, ab August wird zusammengeschrieben, im ersten Quartal nächsten Jahres ist das Rigorosum", sagt der 28 Jahre alte Diplom-Kaufmann. Einen Tag in der Woche ist er am Lehrstuhl für Marketing und Dialogmarketing präsent. "Sie müssen sich stark selbst strukturieren und sind absolut Ihr eigener Herr." Existenzangst plagt den Absolventen der Handelshochschule Leipzig nicht: Sein Arbeitgeber hat ihn in ein Stipendienprogramm eingebunden, die Bürologistik von Booz darf er weiterhin nutzen.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Rund 40 Prozent der Einsteiger dort sind bereits promoviert. Lohnt sich der Titel? Thomas Künstner, als Geschäftsführer für Personal verantwortlich, relativiert: "Das kommt auf den individuellen Fall an, dann fördern wir das mit einem Sponsorship-Programm." Für junge Ingenieure oder Informatiker sei ein MBA "tendenziell oft eine sinnvollere Alternative". Die Chance dazu bekommen die Mitarbeiter, die meist "direkt vom Campus weg" eingestellt werden, nach zwei Jahren. Künstner fördert die Weiterbildung aus zwei Gründen: "Hat die Promotion einen praktischen Bezug, das sind häufig Industrietrends und beratungsnahe Themen, wird das von den Kunden sehr geschätzt. Und es dient der persönlichen Entwicklung der Mitarbeiter, die sich noch einmal ganz neuen Herausforderungen stellen."

          Hoffen auf mehr Respekt beim Kunden

          Anja Meier, die in Wirklichkeit einen anderen Nachnamen trägt, hätte liebend gern von so einem begleitenden Programm profitiert. Nach Banklehre und straff durchgezogenem VWL-Studium heuerte die ehrgeizige Frau bei einer Frankfurter Großbank an. "Die ersten Jahre waren klasse. Aber irgendwann wurde es mir - das soll sich bitte nicht arrogant anhören - langweilig. Ich hatte meine festen Privatkunden und das Gefühl, das kann doch nicht alles gewesen sein." Die damals Vierzigjährige beschloss, sich einen langjährigen Wunsch zu erfüllen, und begann eine Doktorarbeit. "Ich gebe zu, das hat auch etwas mit Eitelkeit zu tun. Ich hatte beobachtet, wie viel respektvoller sich Kunden vor promovierten Kollegen verhalten. Die verteilten quasi Vorschusslorbeeren, das Gefühl wollte ich auch auskosten."

          Eindeutig ohne Karrierevorteil: Dr h.c. Stoiber mit Ehrentitel aus Seoul

          Anfangs lief alles nach Plan. Sie "reaktivierte" den Professor, bei dem sie ihre Diplomarbeit geschrieben hatte, und versenkte sich in ihren freien Stunden in die Theorie der Kreditvergabe. Diesen Schwung bremste dann die Bankenkrise aus. Anja Meiers Abteilung wurde "verschlankt". Mit der Zahl der Überstunden wuchs die Zahl der Augenringe. Die Wochenenden, die sie dringend für ihre wissenschaftlichen Studien gebraucht hätte, brauchte sie jetzt zum Erholen. "Freitagabend war ich oft so platt, dass ich vor den ,Tagesthemen' eingeschlafen bin." Hätte ihr Doktorvater nicht auf einem Abgabeterminen beharrt und hätte sie ihre Zwischenergebnisse nicht im Doktorandenkolloquium vorstellen müssen, sie hätte die Dissertation wohl nie geschrieben. "Am Ende war das eine einzige Qual." So richtig freuen kann sie sich an ihrem "Dr." nicht. Der erhoffte Gehaltssprung blieb aus, der "Titelschutz" als Kundenkick auch. "Eigentlich verhalten sich die Leute wie vorher. Den Titel habe ich überschätzt." Nur in Arztpraxen werde sie deutlich respektvoller behandelt. Jedoch nur, bis die Frage "Sind Sie Kollegin . . ?" geklärt sei.

          Bloß nicht den Zeitaufwand unterschätzen

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