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Neuanfang in der Krise (4) : Endlich genug zum Leben

Familiäre Atmosphäre, ein wenig Sicherheit, aber auch Fragen, wie es weitergehen wird: Michael Hirsch an seiner neuen Arbeitsstelle in Jülich. Bild: Marcus Simaitis

Vor Corona hatten Michael Hirsch und Achim Petry als Musiker ein gutes Auskommen. Jetzt arbeiten sie im Autohaus und an der Tankstelle und finden es gar nicht so schlimm.

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          Für Michael Hirsch führt der Weg direkt von der Bühne ins Autohaus. Der 45 Jahre alte Bergisch Gladbacher hat seine langen Haare zum Zopf gebunden, sein Blick hinter der Brille richtet sich auf einen kleinen, dunklen Fiat 500 in der elektrischen Variante. „Die gehen zurzeit weg wie nix“, sagt er in breitem rheinischen Dialekt, der hier in einem unscheinbaren Gewerbegebiet am Rande Jülichs in Nordrhein-Westfalen nicht weiter auffällt.

          Martin Benninghoff
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Kölner Musikszene heißt der Sänger einer im Karneval bekannten Band nur „der Micha“, für die Kunden hier im Autohaus Milz & Lindemann ist er „Herr Hirsch“. Ein Ansprechpartner für die Gewerbekunden, die ihre Fuhrparks erneuern wollen. Wenn der Kollege gerade nicht da ist, berät er private Kunden, seine offene Art bricht schnell das Schweigen im Ausstellungssaal. „Ich muss das Gefühl haben, dass ich das Richtige tue“, sagt der gelernte Kommunikationselektroniker, und derzeit sei das eben hier zwischen all den schmalen Fiats und wuchtigen Jeeps.

          Die Veranstaltungsbranche liegt brach

          Es ist sein erster Job in einem Autohaus, überhaupt der erste feste Job seit Langem. In den vergangenen Jahren verdiente Hirsch sein Geld als professioneller Sänger – bis die Pandemie sein persönliches Geschäftskonzept in Schutt und Asche legte und weitere musikalische Träume platzen ließ, vorerst zumindest. „Ich weiß es einfach nicht, ob ich je wieder davon leben kann“, sagt er achselzuckend. „Dabei bin ich mit Herz und Seele Künstler.“

          Die Corona-Krise trifft besonders solche freischaffenden Künstler hart. Hirsch ist seit 13 Jahren Frontmann der Kölner Band Hanak, die mit „Haifischzahn“ eine Hymne für den Eishockeyklub Kölner Haie geschrieben hat. Eine lokale Musikgröße, die auch Bewegung in die lange Zeit angestaubte Karnevalsmusik ge­bracht hat. Doch der Karneval liegt brach, wie zurzeit fast die gesamte Veranstaltungsbranche. Es ist der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Band, die „finanziell und emotional ausgebrannt“ sei, wie er sagt, liegt auf Eis.

          Bauchschmerzen bei der zweiten Corona-Welle

          Nebenbei verdient Hirsch seit rund 16 Jahren sein Geld als Sänger auf Hochzeiten, interpretiert die Backstreet Boys oder Guns N’ Roses, je nach Vorliebe des Brautpaares. Seit fünf Jahren arbeitet er zudem als Trauredner, für 1150 Euro kommt er zur Feier angereist, inklusive der Vorgespräche. Ein lockerer Redner, mit „Herz auf der Zunge“, sagt er, wie gewünscht auf Kölsch oder in Hochdeutsch, je nachdem ob er gerade in Bergheim oder im Ruhrpott gebucht ist. Vor Corona sei er an rund 40 Wochenenden im Jahr verplant gewesen, dazu seien die Auftritte mit der Band gekommen. Reich sei er damit nicht geworden, aber er habe sein gutes Auskommen gehabt, wie in einem „stinknormalen Job“ eben, erzählt Hirsch. Der Stress des Einzelkämpfers hat ihm gesundheitlich zugesetzt, zwischenzeitlich musste er sich von einer Hirnhautentzündung erholen. Ungewöhnlich für sein Alter ist zudem die künstliche Hüfte. Aber er sei glücklich gewesen, sagt Hirsch. Bis seine Aufträge im Corona-Jahr weggebrochen seien.

          „Es kratzt an der  Ehre, wenn du dir vom Papa aushelfen lassen musst“: Achim Petry, der Sohn von Schlagersänger Wolfgang Petry.
          „Es kratzt an der Ehre, wenn du dir vom Papa aushelfen lassen musst“: Achim Petry, der Sohn von Schlagersänger Wolfgang Petry. : Bild: F.A.Z.

          Es ist Herbst 2020, die zweite Corona-Welle schwappt nach dem lockeren, vielleicht zu lockeren Sommer durchs Land, als Hirsch merkt, dass ein Ende der Pandemie nicht abzusehen ist. „Da habe ich Bauchschmerzen bekommen“, erinnert er sich. Nur wenige Monate zuvor ist sein drittes Kind auf die Welt gekommen. Die Lebenshaltungskosten fressen seine Ersparnisse langsam auf, und die Kredite, die er für die Band aufgenommen hat, müssen abbezahlt werden. Zu allem Überfluss kommt die staatliche Novemberhilfe wegen eines Zahlendrehers nicht auf seinem Konto an, das passiert erst im Mai 2021. „Das war Wahnsinn“, sagt er. Am Anfang verspürt er noch „Gottvertrauen und Vertrauen in mich selbst“, doch dann wird ihm schlagartig klar: „Eine solche Situation kann dich aus dem Leben schießen.“

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