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Kolumne : Im Museum

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Wenn er sich von beruflichem Ärger erholen musste, besuchte Tunk gerne Museen. Den schlimmsten Ärger hatte Tunk, wenn er fürchten oder gar feststellen musste, einen Fehler gemacht zu haben. Dann half nur noch ein ganz bestimmtes Museum.

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          Um sich von seinen beruflichen Strapazen zu erholen, besuchte Tunk, ein Büroangestellter, sonntags gerne Museen. Beim Ansehen Alter Meister entwickelte er einen Begriff davon, dass die Menschen in früheren Jahrhunderten auch ihre Probleme hatten. Krieg, Tod, Liebeswahn, Leidenschaft, Krankheit waren vor allem in älteren Darstellungen die beherrschenden Themen. Alles Dinge, die in Tunks Leben Gott sei Dank kaum eine unmittelbare Rolle spielten. Den Preis einer gewissen Eintönigkeit oder sogar Langeweile des Alltags zog Tunk der Begegnung mit solchen ja doch meist zerstörerischen Gewalten ganz bewusst vor und begriff es als Gnade, auf die Frage „Wie geht's?“ ehrlich antworten zu können: „Es geht so dahin.“

          Freilich, als Büroangestellter hatte auch Tunk hie und da Ärger, und wenn dieser Ärger ein gewisses Maß überstieg, gelang es selbst den Alten Meistern nicht mehr, ihn zu trösten. Probleme im Büro spielten bei ihnen nur eine ganz untergeordnete Rolle. Den schlimmsten Ärger hatte Tunk, wenn er fürchten oder gar feststellen musste, einen Fehler gemacht zu haben. Fehler kamen vor, das war nicht zu ändern, selbst wenn man ein so gewissenhafter Mensch war wie er, der alles, was er tat, bevor er es aus der Hand gab, nochmals gründlich auf seine Richtigkeit hin überprüfte. Und doch geschah es manchmal, dass er trotz aller Genauigkeit etwas übersah, und er fühlte sich dann wie mit Blindheit geschlagen.

          Wenn so etwas passierte, konnte ihm nur noch der Besuch eines ganz speziellen Museums helfen, das nicht so sehr wegen der dort ausgestellten Werke berühmt war, sondern weil es eigentlich eine U-BahnStation war. Nicht etwa eine aufgelassene, sondern eine, die an der falschen Stelle gebaut worden war, ziemlich knapp neben der später tatsächlich in Betrieb genommenen, die man schnell errichtete, als man es bemerkt hatte.

          Tunk versuchte sich den Moment vorzustellen, in dem der verantwortliche Ingenieur nach Monaten entdeckte, dass er den U-Bahnhof an die falsche Stelle gesetzt hatte. Wie oft musste er immer wieder den gleichen Fehler berechnet haben? Und was hatte er dann wohl seinem Chef erzählt? „Übrigens, mir ist da etwas aufgefallen“ - etwa so was in der Art? Und was man dann wohl mit ihm gemacht hat? Der falsche U-Bahnhof jedenfalls wurde viele Jahre schamhaft vor der Öffentlichkeit verschlossen, bevor man ihn zu diesem originellen Museum umgestaltete.

          Alles, woran die Menschheit auf lehrreiche Weise reift und wächst, kommt letztlich ins Museum oder wird selbst eines, tröstete sich Tunk und hoffte, der Gedanke könnte wohl auch den Ingenieur getröstet haben.

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