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Hilfe für Schulabbrecher : Eine letzte Chance

Keine Lust mehr auf Schule? Dafür gibt es viele Gründe. Aber es gibt auch Lösungen. Bild: Frank Röth

Wer die Schule abbricht, hat auf dem Arbeitsmarkt kaum Perspektiven. Doch es gibt Projekte, die neue Türen öffnen – auch wenn man im Leben noch keinerlei Erfolge gefeiert hat.

          7 Min.

          Irgendwann ging Nils einfach nicht mehr zur Schule. Gemobbt habe ihn keiner, erinnert sich der heute 19 Jahre alte junge Mann. Auch dem Unterricht konnte er ohne weiteres folgen. Trotzdem wurden vor rund drei Jahren in der neunten Klasse aus Fehltagen bald Wochen. „Ich hatte Probleme mit mir selbst“, sagt er rückblickend. Aufgrund von Erfahrungen in der Kindheit litt er an Depressionen. Eine Weile lebte er im Heim, bis er zu seinem Vater zog. Doch die Beziehung ist bis heute kompliziert. Genauer will Nils nicht werden.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nachdem er die Schule geschmissen hatte, lebte er bis Anfang 2019 im sozialen Rückzug. Von der Außenwelt zunehmend abgeschottet, verbrachte er die Tage vor allem in seinem Zimmer. Seit Juni holt Nils, der in Wirklichkeit anders heißt, nun den Hauptschulabschluss nach.

          53 598 Personen haben laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2018 in Deutschland eine allgemeinbildende Schule ohne Abschluss verlassen. Daten zu Schulabbrechern werden in der Statistik nicht gesondert erhoben. Das liegt daran, dass deren genaue Zahl schwer zu erfassen ist: Schwänzt jemand nur lange Zeit und taucht er irgendwann wieder auf, ist er kein Schulabbrecher. Macht jemand einen Sonderschulabschluss, gilt er nicht als Absolvent einer allgemeinbildenden Schule. Auch wer vor dem Hauptschulabschluss an eine Berufsfachschule wechselt, ist ein Sonderfall und macht den Statistikern das Rechnen schwer.

          Schulabbruch hat viele Gründe

          Ähnlich schwer zu überblicken sind die Gründe dafür, warum junge Menschen einen Weg wie Nils einschlagen: Mobbing vonseiten der Mitschüler, ein schlechtes soziales Umfeld, traumatische Erlebnisse in der Jugend, fehlende Unterstützung der Eltern, zerrüttete Familienverhältnisse, Drogen oder psychische Probleme. Oft kommt auch vieles zusammen. Wer etwa aufgrund der miserablen Situation zu Hause, in ungewaschener oder zusammengeklaubter Kleidung zur Schule kommt, läuft schnell Gefahr, gemobbt zu werden.

          Egal aus welchem Grund sie keinen Schulabschluss haben: Abbrecher stehen mit Blick auf ihre berufliche Zukunft vor einem Scherbenhaufen. Über Hauptschulabsolventen rümpfen manche Arbeitgeber die Nase; viele Ausbildungsplätze sind heute sogar schon für Realschüler schwer zu erreichen. Wie stehen da wohl die Chancen für jemanden, der eine Biographie wie Nils hat? „Oft werden Kompetenzen und Talente gar nicht gesehen, es spielt vor allem eine Rolle, dass die Person keinen Abschluss hat“, sagt Anne Christine Holtmann vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

          Damit Betroffene nicht in einen Teufelskreis aus schlecht bezahlten Hilfsjobs und Hartz-IV-Bezug geraten oder sogar in die Kriminalität abrutschen, gibt es verschiedenste Projekte. Nils hat es ins „Haus der Lebenschance“ geschafft. Wobei das Haus eher eine Wohnung sei, merkt Maria Süßenguth mit Blick auf die überschaubaren Räumlichkeiten an. Die Sozialarbeiterin leitet das Projekt in Stuttgart gemeinsam mit einer Kollegin.

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