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Arbeitswelt im Wandel : „Wir brauchen dringend eine positive Einstellung zur Digitalisierung“

In der „Gläsernen Manufaktur“ von Volkswagen soll die Produktion und die Logistik der Fertigungsstätten durchgängig digitalisiert werden. Bild: dpa

Google, Verdi und zwei Handelskammern wollen Beschäftigte digital fit machen. Google-Managerin Sabine Frank erklärt, wie das gelingen soll und warum die Deutschen Nachholbedarf haben.

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          Frau Frank, in der „Zukunftsoffensive“ von Verdi, den IHKs Düsseldorf/München-Oberbayern und Google sollen Beschäftigten in einem E-Learning-Format namens „Basisbox“ digitale Grundkenntnisse vermittelt werden. Welche sind das?

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wir haben es aufgeteilt in vier Bereiche: Kommunikation, Kollaboration, technisches Verständnis und den Komplex Sicherheit & Recht. Auf allen diesen Feldern gibt es unterschiedliche Lerneinheiten.

          Wo mangelt es aktuell am meisten bei den Beschäftigten?

          Ich glaube, das ist sehr individuell und hängt von den jeweiligen Berufsbildern ab, wie die für das Projekt entstandene Studie des Fraunhofer IAO auch gezeigt hat. Ein weiterer Aspekt ist die Ausbildung: Je höher qualifiziert Menschen sind, umso eher haben sie in den einzelnen Bereichen schon Fachwissen erworben. Deshalb haben wir die Basisbox modular aufgebaut, sodass jeder für sich entscheiden kann, wo er den größten Bedarf hat.

          Welche Zielgruppe haben sie im Blick?

          Google betreibt ja schon seit 2017 die „Zukunftswerkstatt“, mit der wir ganz unterschiedlichen Gruppen kostenlos Fortbildungen anbieten. In der „Zukunftsoffensive“ wollen wir uns mit der Expertise von Verdi und den IHKs auf die Bereiche Handel, Logistik, Krankenkassen und Versicherungen fokussieren.

          Warum diese vier Felder?

          Wir wollen wissenschaftlich fundiert arbeiten, daher war der Plan dort anzusetzen, wo wir die besten Einblicke bekommen. Verdi und die IHKs haben die vier Bereiche vorgeschlagen, die daraufhin in der Fraunhofer-Studie genauer unter die Lupe genommen wurden. Ich glaube, die Erkenntnisse, die wir gewinnen werden, lassen sich später durchaus auf andere Bereiche übertragen.

          Wieso tun sich Unternehmen teilweise schwer mit digitaler Weiterbildung?

          Größere Unternehmen bieten da schon relativ viel an, Bedarf existiert eher im Mittelstand. Ich glaube, für viele ist die Erkenntnis, dass lebenslanges Lernen nötig ist, noch relativ neu. Doch die Veränderungen sind da, wir müssen investieren. Es reicht nicht aus, einmal eine Fortbildung zu machen, das ist ein kontinuierlicher Lernprozess. Bei kleineren Unternehmen stellt sich natürlich oft auch eine Kosten- und Zeitfrage. Da macht es sich schnell bemerkbar, wenn Mitarbeiter tagelang in Fortbildungen sitzen. Unser Online-Angebot mit Videos und dazugehörigen Fragen kann der Mitarbeiter daher auch nutzen, wenn er beispielsweise mit Bus oder Bahn zur Arbeit fährt. Wichtig ist vor allem, dass das Lernen Spaß macht.

          Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

          Verdi wird die Betriebsräte aus den relevanten Bereichen zusammenziehen, um in den Unternehmen für das Programm zu werben. Die IHKs wiederum können an ihre Mitgliedsbetriebe herantreten und mit der Zukunftswerkstatt haben wir bei Google seit 2017 schon 500.000 Menschen erreicht. Entsprechend ambitioniert gehen wir auch dieses Projekt an.

          Wann werden die Teilnehmer auch IHK-Zertifikate erwerben können?

          Das ist der nächste Schritt. Die IHK-Zertifizierung hat bekanntlich einen hohen Stellenwert bei Arbeitgebern. Das ist ein Reiz an dem Projekt: Der Einstieg ist sehr leicht, aber am Ende habe ich als Teilnehmer etwas, das ich vorweisen kann und jeder anerkennt. Einen genauen Zeitplan kann ich aber noch nicht nennen.

          Sabine Frank, Leiterin Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz Google Deutschland

          Warum hat Deutschland eigentlich Nachholbedarf bei der Digitalisierung? Sind wir zu skeptisch, was neue Technologien angeht?

          Wir gehören in jedem Fall nicht zu den „early adoptern“, weder im Konsumenten-, noch im Industriebereich oder im betrieblichen Alltag. Jeder kleine Kiosk in Großbritannien hat eine Internetseite, das ist völlig selbstverständlich. Bei uns ist die gesellschaftliche Diskussion beim Thema Digitalisierung eher problem- als chancenorientert. Das wird manchmal aufgebrochen, aber die Grundtendenz bleibt. Dabei brauchen wir dringend eine positive Einstellung zur Digitalisierung.

          Zu Ende gedacht, verändert die Digitalisierung oft die Unternehmenskultur. Hakt es auch deshalb vielerorts?

          Für ein digitales, agiles Unternehmen braucht es andere Strukturen und eine andere Denke, definitiv. Nur weil ich der Chef bin, bin ich nicht automatisch der Fachmann für jedes Thema. Es geht mehr um Expertise als um Hierarchie. Natürlich bricht das mit vielem Bekannten, da wir als Industrienation gewohnt sind, in den gewohnten Strukturen zu leben. Aber andere Nationen haben es geschafft, diese Entwicklung anzunehmen und ich glaube, das wird uns auch gelingen. Nur müssen aus den Sonntagsreden Taten werden und dafür sollten alle gesellschaftlichen Akteure zusammenkommen.

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