https://www.faz.net/-gyl-9yzq6

Arbeitswelt in Taiwan : „Das Tragen von Masken gehört zum Alltag“

Die taiwanesische Bankmanagerin Carol Cheng-Dröscher Bild: privat

Mundschutz in deutschen Büros – das ist für viele ein ungewohnte Vorstellung. Wie verhält es sich in Taiwans Arbeitswelt? Wir haben bei einer Bankmanagerin nachgefragt.

          2 Min.

          Frau Cheng-Dröscher, Taiwan gilt als Vorbild im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Was läuft dort gut?

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Regierung in Taipeh hat die Warnsignale, die damals aus China kamen, frühzeitig sehr ernst genommen. Die Kontrollen bei der Einreise wurden verschärft und Personen mit Verdacht auf Corona in großem Umfang getestet. Während es für die Bevölkerung kaum Einschränkungen im öffentlichen Leben gibt, werden seitdem Bürger mit Symptomen in der Quarantäne strikt isoliert. Darüber wacht die nationale Gesundheitsbehörde.

          Wie geht die Wirtschaft damit um?

          Gerade in Unternehmen traut sich niemand, im Umgang mit Corona leichtsinnig zu sein. Der Aufwand ist entsprechend groß: Es gibt im Eingangsbereich Geräte, die die Körpertemperatur von Mitarbeitern und Besuchern mehrmals täglich messen. Und bei Treffen mit Kollegen ist die Einhaltung des Mindestabstandes ebenso wie das Tragen der Maske und regelmäßiges Händewaschen längst Standard. Hinzu kommt, dass die Gesundheitsdaten eines Mitarbeiters – wie das Fehlen wegen Krankheit – vom Arbeitgeber penibel erfasst und dokumentiert werden. Im Abgleich mit seiner Gesundheitskarte und seinen ebenfalls digital erfassten Einkäufen in der Apotheke ergeben sich dann Hinweise auf eine Ansteckungsgefahr.

          Gutes Gesundheitsmanagement im Betrieb ist also aus Ihrer Sicht nur mit „gläsernen Patienten“ möglich?

          Ich weiß aus meiner Erfahrung in Deutschland, dass die Vision vom „gläsernen Patienten“ auf größte Vorbehalte stößt. Doch meine Erfahrungen aus Taiwan zeigen, dass eine gewisse Transparenz bei den privaten Gesundheitsdaten eines Mitarbeiters unerlässlich ist, um wirksamen Schutz gegen eine drohende Pandemie zu bieten.

          Mundschutzträger prägen ohnehin den Alltag in Asien. Ist das Routine?

          Wir sind diese Form von Schutz gewöhnt. Bittere Erfahrungen mit einer Pandemie hat Asien zuletzt 2003 gemacht, als durch Sars viele Menschen starben. Viele Länder haben damals zu zögerlich auf diese Gefahr reagiert. Daraus haben aber die Regierungen der meisten Länder gelernt. Ein altes Sprichwort bei uns sagt: „Einmal von einer Schlange gebissen, hast du noch 10 Jahre später Angst vor einem Seil.“ Dann nahm mit steigendem Wohlstand in Asien die Luftverschmutzung in vielen Metropolen zu. Seitdem gehört das Tragen von Schutzmasken zum Alltag.

          Führen auch kulturelle Unterschiede zu anderem Krisenmanagement?

          Nur Taiwans Politik orientiert sich an westlichen Werten wie Demokratie und Freiheit. In der Gesellschaft dominiert dagegen das Senioritätsprinzip, das nach asiatischer Lesart Respekt gegenüber älteren Mitmenschen verlangt. Das gilt in einer Familie, in der in Taiwan auch heute noch bis zu drei Generationen unter einem Dach leben, ebenso wie im Betrieb. Dort können der Chef sowie ältere Mitarbeiter in der Belegschaft stets mit dem Respekt ihrer jüngeren Kollegen rechnen. Schon allein vor diesem Hintergrund werden die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus in jedem Unternehmen sehr ernst genommen und strikt befolgt.

          Ist es Geschäftsleuten in Taiwan unangenehm, dass sie auf körperlichen Kontakt wie Händeschütteln verzichten müssen oder in Verhandlungen den Gesichtsausdruck des Gegenübers nicht mehr deuten können?

          Der Verzicht auf solche Rituale, um ein gutes Geschäft zu besiegeln oder einer Person Respekt zu erweisen, fällt in Asien nicht so stark ins Gewicht wie in Europa. In Taiwan vermag eine dezente Verbeugung das Händeschütteln zu ersetzen. Und was die Mimik der Gesprächspartner angeht, ist man in Asien ja ohnehin darauf bedacht, all das zu vermeiden, was das Gegenüber sein „Gesicht verlieren“ lässt. Diese Form von Rücksicht wird durch das Tragen von Masken eher erleichtert.

          Können Sie verstehen, dass sich deutsche Mitarbeiter mit den Umgangsformen in Corona-Zeiten schwertun?

          Jede Veränderung des Verhaltens will erlernt sein. Die Vorbehalte gegenüber den neuen Regeln kann ich natürlich nachvollziehen – gerade wenn man berücksichtigt, dass Deutschland im Kampf gegen Corona auch sehr erfolgreich ist. Doch in Taiwan ist eine Lockerung der Maßnahmen bislang kein öffentliches Thema. Und ich finde, damit sollte man auch in Deutschland noch einige Wochen warten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Plädoyer vor dem Ethikrat: Matthias Habich und Lars Eidinger in „Gott von Ferdinand von Schirach“.

          Streit um von Schirachs „Gott“ : Mediziner gegen Mediziner

          Der Film „Gott von Ferdinand von Schirach“ beschwört eine heftige Kontroverse herauf. Palliativmediziner und Psychologen werfen ihm vor, er stelle die Frage nach dem Recht auf assistierten Suizid falsch. Andere Palliativmediziner und Juristen sagen nun, die Kritiker verzerrten alles von A bis Z.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.