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Münchner Unternehmen Techcast : KI verkuppelt passende Geschäftspartner

Techcast vermittelt Geschäftspartner Bild: dpa

Rosemarie Schuster ist eigentlich ausgebildete Erzieherin, doch dann zog es sie in die Welt der Künstlichen Intelligenz. Heute vermittelt ihr Unternehmen Techcast Geschäftspartner mit gleichen Zielen und Interessen.

          4 Min.

          Homeoffice und Lockdown haben virtuellen Konferenzen, Kongressen, Aktionärstreffen, Schulungen, Mitarbeiterversammlungen oder Messen richtig Auftrieb gegeben. An deren Stellenwert wird sich aus Sicht von Rosemarie Schuster nach Corona wenig ändern. Digitale Video- und Streaming-Veranstaltungen sind für die Gründerin und Geschäftsführerin der Münchner Online-Plattform Techcast nicht mehr wegzudenken. Diese Veranstaltungsformate werden sich mit neuen Elementen dynamisch weiterentwickeln, allein schon um Defizite und Vorbehalte im Vergleich zu realen Bedingungen abzubauen. Das gilt genauso für den Langweiligkeitsfaktor, der mit überlangen Digital-Präsentationen verbunden sein kann.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Matchen“ heißt ein Trend. Virtuelle Kaffeepausen sind zu einer beliebten Ablenkung und zum Mittel für soziale Kontakte im digitalen Raum geworden. „Matchen“ indes dient nicht einem Pläuschchen. Es soll gezielt Gesprächspartner zusammenbringen, die zueinander passen, sich Wichtiges und Ge­schäftliches zu sagen haben, damit am Ende für beide ein Nutzen herauskommt. Online- und Hybrid-Veranstaltungen kommen so dem Erlebnis vor Ort ein Stück näher, als säße man sich real am Konferenztisch gegenüber.

          Rosemarie Schuster
          Rosemarie Schuster : Bild: Techcast

          Zufallsbekanntschaften sind das nicht. Ein Algorithmus verkuppelt die Gesprächspartner. Während der Regis­trierung zu einer Online-Veranstaltung wird über einen wissenschaftlich erstellten Fragebogen etwa zu Persönlichkeit, Interessen, Erwartungen oder Ziele ein Profil der Teilnehmer erstellt. Künstliche Intelligenz gleicht die Aussagen ab und stellt passende Profile zusammen.

          Das, sagt Schuster, reißt die Teilnehmer unter Umständen nicht nur aus einer Lethargie, die lange, strapazierende digitale Konferenzen mit sich bringen können. Das bringe nachhaltige Geschäftskontakte. Die Techcast-Chefin hat den Algorithmus nicht selbst entwickelt. Sie beschäftigt sich mit Online-Plattformen, bestehend aus vielen Modulen von Liveübertragungen mit eigenen Kamerateams, Video und Streaming über technische Abläufe wie Registrierung oder Regie bis zu Moderationen, Dialogplattformen.

          Lernten sich im Netzwerk „Frauen verbinden“ kennen

          Für das „Matchen“ als effektives Netzwerk-Instrument digitaler Natur hat sie Rosemarie Steiniger gefunden, Vorstandschefin und Gründerin der Münchner Chemistree. Der Name leitet sich aus dem englischen Wort „Chemistry“ ab, das für Chemie steht. Kern von Chemistree ist, via Künstliche Intelligenz Menschen zusammenzubringen, zwischen denen die Chemie stimmt.

          Schuster und Steininger haben sich 2020 im Netzwerk „Frauen verbinden“ kennengelernt, das die Messe München gegründet hat. Sie mussten keine Fragebögen ausfüllen, um ihre gemeinsamen Interessen zu identifizieren. „Wir haben uns gleich gefunden“, lacht Schuster. Beide Unternehmen haben gerade eine langfristige Kooperation beschlossen, nachdem Techcast im Februar dieses Jahres die digitale Version der Netzwerk-Konferenz Digital Life Design (DLD) von Hubert Burda Media ausgerichtet und das „Matchen“ zum ersten Mal umgesetzt hatte. Die mehr als 4000 DLD-Teilnehmer bekamen Gesprächspartner zugeteilt, was schon im ersten Anlauf erfolgreich war. Vor dem Treffen erhielten diese Informationen zu ihrem digitalen Gegenüber mit Angaben über gemeinsame Interessen und Themen. „Matchen“ ist so zum weiteren Modul der angebotenen Plattformen von Techcast geworden.

          Am 7. September wird der Online-Event-Anbieter in der Münchner BMW-Welt am Eröffnungstag der Internationalen Automobilausstellung IAA wieder mit Burda eine hybride DLD-Konferenz austragen. Für rund 100 Kunden führt Techcast im Jahr mehr als 500 Veranstaltungen durch. Dazu gehören Dax-Konzerne wie Allianz, Munich Re oder Delivery Hero mit Hauptversammlungen oder Fresenius und Bayer mit anderen Großveranstaltungen. Techcast überträgt live Sitzungen des Münchner Stadtrates oder Bürgerversammlungen.

          Schuster, 55 Jahre und ausgebildete Erzieherin, hat ihr Unternehmen 2009 gegründet. Den Unterschied zu Angeboten anderer Anbieter etwa von virtuellen Hauptversammlungsformaten be­schreibt sie mit einem breiteren, umfassenderen Angebot. Den Anspruch erhebt sie auch gegenüber Online-Dialog-Plattformen wie Wonder.me oder Meetyoo; beides Unternehmen aus der Start-up-Szene. Die populären und dominierenden Formate von Zoom, Microsoft Teams, Webex oder Webinar-Anbieter On24 aus den USA haben in der Pandemie extrem zugelegt und setzen zunehmend auf Gesamtangebote, die standardisiert sind und zum Beispiel keine Video-Produktionen oder Live-streams anbieten. Der Markt ist um­kämpft, zumal auch die in der Corona-Krise gebeutelten Veranstaltungstechnik-Unternehmen im Online Rettung suchen.

          Geschäft befindet sich im Umbruch

          „Wir sind dazwischen“, beschreibt Schuster die Position von Techcast. Schon früh nach zwei Jahren hat sie ihr Erzieherinnen-Dasein hinter sich gelassen. Ende der Neunziger Jahre gründete sie mit Partnern die Linux New Media AG, einen internationalen Fachverlag. Der brachte das Linux-Magazin heraus, das sich mit Themen um das offene Betriebssystem Linux beschäftigte. Publikationen ihres IT-Verlages er­schienen in Deutschland, den USA, Großbritannien, Spanien, Polen und Brasilien. Die Kommunikation über die ganze Welt via Videokonferenzen habe sie fasziniert und schließlich auf das Geschäftsmodell von Techcast gebracht.

          Für Rosie Schuster, dreifache Mutter und aufgewachsen im oberbayerischen Dorf Nußdorf am Inn, befindet sich ihr Geschäft in den nächsten Jahren auch unabhängig von der Pandemie im Umbruch. Das Unternehmen will sie zu einer Plattform ausbauen, auf der sich Kunden selbst das zusammenstellen können, was Techcast ihnen derzeit anbietet. So erweitert sie die Kundenbasis und generiert dauerhafte Lizenzeinnahmen. Sie behält aber ihr Angebot der modularen Online-Veranstaltungen.

          Der Wandel ist vonnöten, weil sich die Technologie rasant weiterentwickelt. Der Trend geht stärker um Netzwerken in Echtzeit. Digitale Veranstaltungsformate wachsen in ihren Dimensionen auf 1000, 2000 oder gar 10.000 Teilnehmer. Echtzeit und Großveranstaltungen können sich in Formaten spiegeln, wie es sie bei Fernsehshows gibt. Da werden Teilnehmer auf die Bühne geholt, was jedoch immer noch einen virtuellen Moderatorenraum erfordert, in den der Gast zunächst eintreten muss.

          Es muss darum gehen, die zeitlichen Verzögerungen so gering wie möglich zu halten. Erste Anläufe will Rosie Schuster mit einem Angebot im Oktober machen. Dauern kann es für sie aber durchaus noch zehn Jahre, bis Personen als Hologramme online auftreten. Das käme der perfekten Online-Realität schon ziemlich nahe .

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