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Schwerhörige im Berufsleben : Chef, ich hab Sie nicht verstanden!

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Für Hörgeräte-Träger haben einige Hersteller einen „Masken-Modus“ eingerichtet. Bild: dpa

Maske, Abstand, maue Tonqualität – wer schlecht hört, hat es wegen Corona doppelt schwer. Doch es gibt Möglichkeiten mit dem Problem zurechtzukommen.

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          Gut jeder sechste Mensch in Deutschland ist mehr oder weniger schwerhörig, und die Betroffenen haben es zurzeit im Berufsleben besonders schwer. Sie höre fast jeden Tag Klagen über Hörprobleme, sagt Antje Aschendorff, stellvertretende Chefin in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Uni Freiburg. Oft seien das Patienten mit mittelgradiger Hörminderung, die jahrelang noch gut klargekommen seien, weil sie dem Gegenüber von den Lippen haben ablesen können.

          „Jetzt mit den Masken geht das natürlich nicht mehr. Corona bringt Hörprobleme ans Licht, die die Betroffenen lange kaschieren konnten.“ Nun berichteten ihr Patienten immer wieder, sie hätten Angst, Anordnungen vom Chef wegen seiner Maske falsch verstanden zu haben. Selbst in Videokonferenzen ist es nicht einfach, von Lippen zu lesen. Die Gesichter der Gesprächspartner sind zu klein, sie reden durcheinander, oder die technische Ausstattung ist qualitativ schlecht, und aus Lautsprecher oder Headset kommen keine klaren Worte.

          Menschen mit Hörstörungen erleben immer wieder soziale Isolation und Stigmatisierung, sie werden häufiger depressiv und können oft nicht so Karriere machen wie andere Menschen. Wenn sie Karriere machen, erleben sie häufiger Stress im Beruf. Abgesehen davon verursachen Hörprobleme enorme Kosten: In den Vereinigten Staaten sind es zum Beispiel wegen Arbeitslosigkeit und vorzeitiger Verrentung mindestens 105 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Ursachen sind vielfältig. Ein Pfropf aus Ohrenschmalz, Flüssigkeitsansammlungen oder Entzündungen im Mittelohr, angeborene Krankheiten, chronischer Lärm, Altersschwerhörigkeit, Schäden an Gehörknöchelchen oder Trommelfell, gutartige Tumoren oder Nebenwirkungen von Medikamenten sind nur einige davon.

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          Masken dämpfen den Schall im Schnitt um fünf bis zehn Dezibel. Eine Absenkung der Lautstärke um zehn Dezibel empfindet man oft so, als sei es nur halb so laut. „Wir hören sowieso nur wenig, nun kommt noch die Dämpfung durch die Maske hinzu“, sagt Ulrike Berger vom Cochlea-Implantat-Verband in Baden-Württemberg, die sich hauptberuflich um Weiterbildung, Personal und Kommunikation in einem Elektrogroßhandel kümmert.

          Berger ist beidseitig gehörlos, aber mit den Implantaten kann sie fast normal hören – sofern sie zusätzlich von den Lippen lesen kann. Sie bevorzugt allerdings fürs Lippenlesen den Begriff „vom Mund absehen“. Denn es gehe gar nicht ums Lesen – lesen könne man nur Buchstaben, und die Lippen seien auch nur zum Teil ausschlaggebend: neben der Stellung der Zunge und der Frage, ob die Zähne des Gegenübers sichtbar sind.

          Zurzeit, in der Corona-Krise, sei das Hören jedenfalls viel anstrengender, sagt Berger. „Ich komme mir vor, als absolvierte ich jeden Tag einen Marathon. Abends bin ich völlig erledigt.“ Dabei gäbe es viele Lösungen, um den Betroffenen das Hören im Arbeitsalltag zu erleichtern. Abgrenzende Scheiben statt Maske, zum Beispiel, oder Masken mit durchsichtigen Plastikeinsätzen oder ein anderer Arbeitsplatz mit weniger Kundenkontakt.

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