https://www.faz.net/-gyl-u7bu

Wenn Fußball krank macht : „Die Trainer brennen aus“

  • -Aktualisiert am

Jürgen Klinsmann hoch erregt... Bild: picture-alliance/ dpa

Egal ob Sieg oder Niederlage: Fußball-Trainer stehen unter einem enormen Druck. Hitzfeld, Klinsmann und Co. verbrauchen ihre körperlichen und seelischen Reserven - und werden am Ende meist doch entlassen.

          4 Min.

          "Ich bin mit dem Fußball verheiratet und habe eine Affäre mit meiner Frau." So hat es Bobby Robson, der ehemalige Nationalcoach Englands, auf einen sehr persönlichen Punkt gebracht. Für die meisten Trainer, die nicht selbst gehen, sondern entlassen werden, ist dies der Höhepunkt einer mitunter dramatischen sportlichen wie persönlichen Entwicklung. Der sogenannte Rausschmiss ist ein radikaler Einschnitt. Im Prinzip ist es, wie bei zwischenmenschlichen Partnerschaften, das Ende einer Beziehung, berücksichtigt man die starke emotionale Bindung von Trainern an ihren Beruf, die Mannschaft, den Verein.

          Jeder zweite Verein wechselt den Trainer

          "Der wichtigste Mann im Verein hatte mich intern zum Abschuss freigegeben. In diesem Moment haben die Alarmglocken geschrillt. Nur Siege konnten mir helfen. Es hätte nichts gebracht, mit anderen zu reden. Man muss dieses System begreifen und erkennen, dass man Woche für Woche unter Druck arbeitet. Ein Trainer lebt immer nur für eine Woche", schildert der beurlaubte Coach eines Fußball-Bundesligaklubs seine Erfahrung, die er wenige Wochen nach seiner Entlassung festgehalten hatte. In dem Buch "Arbeiten auf dem Schleudersitz. Trainer werden, Trainer sein, Trainer bleiben" (Verlag Empirische Pädagogik, Landau) wird die Welt des Fußballs psychologisch analysiert. Es werden aktive und ehemalige Cheftrainer der drei höchsten deutschen Fußball-Ligen bezüglich des - drohenden oder vollzogenen - Rauswurfs befragt. Zur Verfügung standen anonyme schriftliche Stellungnahmen von 30 Trainern, knapp 40 sehr persönliche Gespräche sind protokolliert.

          Die Anspannung muss raus

          In den ersten zehn Jahren (1963/64 bis 1972/73) gab es in der Fußball-Bundesliga pro Saison durchschnittlich fünf Beurlaubungen. In den beiden nächsten Dekaden stieg die Zahl von durchschnittlich 6,6 auf 7,8 an. Zwischen den Jahren 1993/94 bis 2002/2003 waren es zum Beispiel im Schnitt 7,5 Trainer. In den vergangenen drei Spielzeiten gab es eine weitere Erhöhung auf 8,7. Nahezu die Hälfte der Bundesligavereine wechselt mittlerweile ihren Coach in einer Saison aus - eine beunruhigende Entwicklung.

          Der Konkurrent auf meiner Tribüne

          Ein besonders heikler Aspekt für die betroffenen Trainer ist das Auftauchen von arbeitslosen Kollegen auf der Tribüne. Ein ehemaliger Bundesligatrainer glaubt: "Unter den Bundesligatrainern gibt es keine Freunde, da ist die Konkurrenz zu groß. Einige haben jedoch keine Schamgrenze und sind bei den Spielen anwesend, wo Trainer gefährdet sind. An einen Ehrenkodex halten sich viele Trainer, aber auch einige nicht." Durch das große zeitliche und emotionale Engagement sind Gesundheitsbeschwerden an der Tagesordnung. Mehr als die Hälfte der Trainer klagt über die Unfähigkeit zur Entspannung in der Freizeit und über erhebliche Schlafstörungen, ein Drittel über Kopfschmerzen. Bei jedem Fünften kommen Bluthochdruck oder nervöse Tics vor. Vereinzelt treten sexuelle Probleme, Migräne, Appetitlosigkeit oder Atembeschwerden auf. Dennoch fehlt die Mehrheit von ihnen (87 Prozent) nie bei der Arbeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag: Amira Mohamed Ali

          Amira Mohamed Ali : Linke Blitzkarriere

          Amira Mohamed Ali ist die erste Muslima an der Spitze einer Bundestagsfraktion. Die Linken-Politikerin bezeichnet sich als „Anti-Kapitalistin“ – zumindest damit hat sie etwas mit ihrer Vorgängerin Sahra Wagenknecht gemein.

          Bevölkerungswachstum : „Ein politisch heikles Thema“

          Die Demographie-Forscherin Alisa Kaps über die Weltbevölkerungskonferenz, schwierige Gespräche mit afrikanischen Regierungschefs, Gegenwind von Abtreibungsgegnern und darüber, wie Rechtspopulisten das Thema Bevölkerungswachstum besetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.