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Online-Gesangswettbewerb : „Ein ganz starkes Team – Do you know what I mean?“

Das Team der Barmer-Geschäftsstelle in Merzig singt gemeinsam auf Strohballen. Bild: Screenshot: www.KlingtNachTeamwork.de / BMBF, Wissenschaftsjahr 2018

Für einen Wettbewerb drehen Arbeitskollegen Musikvideos fürs Netz. Sie trommeln mit Löffeln, verfehlen Töne, vergessen Texte – ist das nicht total peinlich?

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          Meistens fühlt sich ein Nachmittag, an dem man im Internet lustige Videos anschaut, wie reines Herumlungern an. Aber manchmal lernt man dabei völlig unerwartete Dinge, nämlich auf den Seiten des Wissenschaftsjahrs 2018. Für die Aktion „Klingt nach Teamwork“ haben dort etliche Unternehmen Videos eingeschickt, in denen ihre Mitarbeiter teils selbst komponierte und getextete Lieder singen.

          Einer der schönsten Texte kommt von der Symrise AG, von einer engagierten Gruppe mit identischen Seidentüchern im Kanon gesungen: „Hier in Holzminden / liegt etwas in der Luft / Erdbeern und Zwiebeln / ein ganz besondrer Duft.“ Der Begleittext verrät, dass hier nicht etwa poetische Phantasterei am Werk war: „Unser Unternehmen stellt Geschmack, Duft, kosmetische und funktionale Inhaltsstoffe her.“ Und schon wieder hat man was gelernt, diesmal eben über Holzminden in Niedersachsen.

          Ein Teambuilding-Projekt in nur 40 Stunden

          Ein schöner Nebeneffekt, denn eigentlich sollten vor allem die Teilnehmer der Aktion etwas lernen. „Studien belegen, dass synchrone Tätigkeiten wie Singen oder Tanzen das prosoziale Verhalten, die Hilfsbereitschaft und das Kooperationsverhalten fördern können“, sagt der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz, der das Projekt, hinter dem das Bundesministerium für Bildung und Forschung steht, begleitet. „Singen ist eine Form der Personalentwicklung.“ Und zwar eine kostengünstige. Das war auch Boris Petersen wichtig, dem Schulleiter der Otfried-Preußler-Schule im brandenburgischen Großbeeren. Auf die Frage, wie seine erste Reaktion gewesen sei, als Referendarin Elisabeth Waldow mit dem Projekt an ihn herantrat, lacht er ausgiebig. „Es kommen zu einem Schulleiter ganz viele Kollegen mit ganz vielen Ideen“, sagt er dann. „Ich frage mich immer: Was würde es kosten? Als ich festgestellt habe, dass es nichts kostet und nicht weh tut, sagte ich: Mach mal.“

          Das Team der Otfried-Preußler-Schule versteht den Wettbewerb als Maßnahme zur besseren Zusammenarbeit.

          Elisabeth Waldow machte. Und wie: Sie verbündete sich mit der Lehrer-Band, suchte „Wochenend und Sonnenschein“ als Lied aus und fand eine Kollegin, deren Mann Lust hatte, den Text umzudichten. Dann erklärte die Referendarin am ersten Abend der jährlichen Kollegiumsfahrt allen das Projekt. „Am nächsten Tag sind wir durch den Spreewald gewandert und haben dabei schon ein bisschen geübt.“ Schon einen Tag darauf fand das Kollegium durch Zufall den perfekten Ort für die Performance, eine kleine Holzbühne, und nahm das Video dort direkt auf. Dieses Teambuilding-Projekt dauerte damit vierzig Stunden und kostete nicht mehr als persönliches Engagement – ein ziemlich konkurrenzloses Konzept.

          Boris Petersen konnte zwar nicht feststellen, dass die Stimmung im Haus danach besser gewesen sei als vorher – aber viel Luft nach oben sei ohnehin nicht gewesen. „Der Zusammenhalt im Kollegium ist wirklich sehr stark. Das wird auch daran deutlich, wie schnell die Aktion umgesetzt wurde. Mit einem Kollegium, das sich nicht grün ist, wäre das viel schwieriger gewesen.“ Als Maßnahme für zerstrittene Teams ist ein solches gemeinsames Projekt dagegen womöglich nicht die Rettung, sondern nur ein weiterer Zankapfel. „In einer völlig vergifteten Atmosphäre ist eine schlechte Stimmung nicht so einfach wegzusingen“, sagt denn auch Gunter Kreutz. „Aber Singen ist wie Lachen in Zeitlupe. Und wenn man eine Stunde gemeinsam quasi gelacht hat, dann geht man anschließend wohl kaum aufeinander los.“

          Ziemlich professionell gemacht: Das Musikvideo der „Putzhelden“

          Trotzdem wird bei den meisten Videos deutlich, dass hier bereits eingeschworene Teams zusammen singen. Besonders bei der Heinrichs Putzhelden GmbH aus Berlin, die mit „Schluss mit schmutzig“ ein ganz eigenes Lied geschrieben hat: „Wenn wir arbeiten, seid ihr noch am Schlafen“, singen die Gebäudereiniger und wirken dabei, als liebten sie ihren Job, ihre Kollegen und das Singen gleichermaßen. Ihr Beitrag wirkt äußerst professionell, andere haben eher den Charme des Improvisierten: Eine Abteilung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt steht in der Küche und liest ihren eigenen Text zur Melodie von „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ von einem Ort oberhalb der Kamera ab. Eine Mitarbeiterin klappert dazu mit Löffeln. Beim internationalen Fragrance Management von Beiersdorf wirken alle fröhlich und voll bei der Sache – einschließlich der sympathischen Mitarbeiterin, die offensichtlich keine Ahnung hat, auf welchen Text die Kollegen sich geeinigt haben.

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