https://www.faz.net/-gyl-165xo

Weiterbildung : „Habt-euch-lieb-Seminare bringen nichts“

  • Aktualisiert am

Axel Koch hat unter dem Pseudonym Richard Gris im Buch „Die Weiterbildungslüge” den gängigen Seminarbetrieb kritisiert. Er ist Professor für Wirtschaftspsychologie in Riedlingen Bild: Archiv

Im schlimmsten Fall ist eine Fortbildung teuer und langweilig. Wie man sich dagegen wappnet, verrät Axel Koch, Autor des Buchs „Die Weiterbildungslüge“ und Professor für Wirtschaftspsychologie in Riedlingen.

          3 Min.

          Im schlimmsten Fall ist eine Fortbildung teuer und langweilig. Wie man sich dagegen wappnet, verrät Axel Koch, Autor des Buchs „Die Weiterbildungslüge“ und Professor für Wirtschaftspsychologie in Riedlingen.

          Herr Koch, darf ein Seminar als willkommene Unterbrechung des Büroalltags nicht einfach Spaß machen?

          Natürlich darf es das. Ich habe gar nichts gegen drei schöne Tage im Berghotel. Aber Weiterbildung sollte man das nicht nennen.

          In Ihrem Buch „Die Weiterbildungslüge“ prangern Sie Scharlatane und Missstände der Branche an. Hatte die Wirtschaftskrise eine reinigende Wirkung?

          Nur zum Teil. Die Unternehmen haben sehr unterschiedlich reagiert. Einige haben ihr Weiterbildungsbudget komplett gestrichen, andere dagegen sagen: Jetzt erst recht. Ich höre jedenfalls immer noch, dass mir Weiterbildungsteilnehmer von „Habt euch lieb“- Seminaren berichten, die für ihren Beruf rein gar nichts bringen.

          Woran erkennen Vorgesetzte, dass sie ihre Mitarbeiter auf solch wenig effektive Fortbildungen schicken?

          Vor allem daran, dass sie selbst nicht mit ihnen darüber gesprochen haben, was gut und wichtig ist für sie, warum sie genau dieses Seminar besuchen und nicht ein anderes. Die schnell geschriebene E-Mail mit dem Text „Frau Meier, gehen Sie da mal hin“ ist der Kardinalfehler. Der zweite Fehler ist die Erwartung, dass eine Fortbildung wie eine Spritze wirkt und man sich nachher nicht kümmern muss. Im Gegenteil, die erwünschte Verbesserung tritt erst Stück für Stück ein – und nur dann, wenn man sie als Vorgesetzter auch einfordert.

          Aber wie wappnet man sich gegen Mogelpackungen der Anbieter?

          Unerfreuliche Erfahrungen entstehen nach meiner Erfahrung immer im Wechselspiel zwischen dem Kunden und dem Anbieter: Wenn ein Unternehmen sich einen Nürnberger Trichter wünscht und will, dass seine Mitarbeiter innerhalb von drei Stunden auf Kundenorientierung gepolt werden, dann gibt es sich einer Illusion hin. Und es wird auf dem Markt einen Anbieter finden, der ihm genau diese Illusion verkauft. Aber es verhält sich dann wie ein Patient, der dem Arzt vorschreibt, eine Medizin zu verschreiben, die ihm selbst angenehm ist.

          Woran erkennt man dann ein sinnvolles Seminar?

          Der erste Test ist die Frage, ob sich die Teilnehmer selbst vorher über Inhalt, Methode und Trainer informiert haben oder ob es sich für sie nur um eine Pflichtveranstaltung handelt. Der zweite Test ist der Praxisbezug: Wenn mir ein Trainer im Zeitmanagement-Seminar predigt, mich nach meinem Biorhythmus zu richten, ich aber im Schichtbetrieb arbeite, dann läuft etwas falsch. Und schließlich kann eine Fortbildung nur dann etwas bewirken, wenn auch die Lust und die Zeit für eine Veränderung im Alltag vorhanden sind – oder zumindest der Leidensdruck groß genug ist, um sich die Zeit dafür zu nehmen.

          Evaluationsbögen halten Sie nicht für verlässlich?

          Diese „happy sheets“ sind extrem beliebt, weil sie so einfach gestrickt sind. Sie dokumentieren die guten Vorsätze nach einem Seminar. Das ist eine Art Silvestereffekt. Guten Trainern genügen zwei Tage locker, um diesen Effekt zu bewirken.

          Ist der Preis ein Qualitätsindikator?

          Nicht unbedingt. Viele Trainer verdienen nur einen Apfel und ein Ei, andere haben einen Promi-Status und können für dieselbe Leistung Phantasiesummen verlangen. Das ist eine Frage des Marketings. Dieselbe Leistung kann man auf diesem Markt für 30 oder auch für 3000 Euro bekommen – vielleicht sogar mit einer Geld-zurück-Garantie. Das klingt immer gut, wird aber so gut wie nie in Anspruch genommen.

          Wieso nicht?

          Weil die Kunden dafür konkret nachweisen müssten, dass die Fortbildung nicht den versprochenen Effekt hatte. Das aber können oder wollen sie nicht.

          Wie können Vorgesetzte und Personalabteilungen den Erfolg eines Seminars realistisch bewerten?

          Da hilft nur, ganz bewusst die Wirkung im Alltag zu überprüfen. Das bedeutet Arbeit für den Vorgesetzten, der dafür aber meistens keine Zeit zu haben glaubt und lieber auf das Prinzip Selbstverantwortung setzt. Aber das funktioniert nicht. Dabei würden oft schon kleine Mittel genügen.

          Welche?

          Wenn Schulze im Herbst im Seminar gelernt haben soll, Grenzen zu setzen, dann kann der Vorgesetzte doch leicht überprüfen, ob Schulze seitdem mehr Grenzen als vorher gesetzt hat oder nicht. Das muss man nur wollen. Wer es anspruchsvoller mag, setzt sich als „Mystery Shopper“ mal selbst in eines der Seminare, von denen die Mitarbeiter immer so pauschal zufrieden zurückkommen. Nachher weiß man dann, warum.

          Sie haben selbst 15 Jahre als Trainer in der Weiterbildungsbranche gearbeitet, bevor Sie Ihr Buch veröffentlicht haben. Wie lebt es sich als Nestbeschmutzer?

          Natürlich haben mich manche frühere Kollegen beschimpft. Andere haben mich aber auch in meinen Thesen bestärkt. Und einige machen mit meinem Buch jetzt sogar Werbung für ihre Angebote.

          Wie hat Ihr damaliger Arbeitgeber, eine auf Weiterbildung spezialisierte Unternehmensberatung, reagiert?

          Ich habe schon vor dem Erscheinen des Buchs gekündigt. Das Unternehmen hat danach den Kontakt zu mir eingestellt – genau so, wie ich vermutet hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump steht innenpolitisch unter Druck, weil er die Pandemie anfangs kleingeredet hatte.

          Vorwürfe gegen Trump : Wie man mit Masken Politik macht

          Kauft Washington überall Atemschutzmasken auf und leitet Bestellungen um? Deutsche und französische Politiker behaupten das. Aber ist an den Beschuldigungen etwas dran – oder ist es nur Anti-Trump-Polemik?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.