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Beraterjargon : Do you speak Denglisch?

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Na, heute schon delivered? Berater sprechen ihre ganz eigene Sprache. Bild: Picture-Alliance

Unternehmensberater haben häufig ihren ganz eigenen Jargon, oft gespickt mit vielen Anglizismen und deutschen Floskeln. Warum sie nicht einfach verständlich reden.

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          „Der hat nicht delivered!“ Sätze wie diese bekommt Benjamin Krämer in seinem Berufsalltag häufig zu hören. Dann stellen sich bei ihm „die Zehennägel auf“, wie der 32 Jahre alte Unternehmensberater sagt. Allerdings nicht, weil jemand seine Arbeit nicht rechtzeitig gemacht hat und ihn das in Zeitnot stürzt. Ein solcher Unfall aus der Kategorie „Denglisch für Anfänger“ verletzt sein Sprachgefühl.

          Er ist promovierter Jurist und seit acht Jahren in einer großen internationalen Unternehmensberatung tätig. Direkt im Anschluss an sein Studium begann er für seinen heutigen Arbeitgeber als Berater zu arbeiten; mittlerweile ist er Teamleiter oder, wie es in seiner Firma heißt: „Team Leader“. Krämer heißt eigentlich anders; weil er seinen Beruf liebt und nicht als Nestbeschmutzer gelten möchte, will er seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

          Überhaupt möchte kaum ein Berater über das Thema Sprache in seiner Branche offen reden. „Ich sehe da keinen Bedarf“ oder „Ich finde das gar nicht schlimm“ lauten die gängigsten Antworten. Krämer hingegen hat Freude am Formulieren und denkt deshalb viel darüber nach, wie er Sprache einsetzen kann, um Kollegen, vor allem aber auch den Kunden, seine Ideen und Strategien noch besser verständlich zu machen.

          Fachwissen vortäuschen, wo keines ist

          Denn meist berät er Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche und dem Ingenieurwesen, wo nicht zwangsläufig vorausgesetzt werden kann, dass Begriffe aus der Beratungsbranche geläufig sind. Auch als Projektleiter hakt er deshalb gerne nach und bittet seine Mitarbeiter oft, das eben Gesagte noch einmal in eigenen Worten möglichst ohne Fachjargon wiederzugeben. Denn er wünscht sich, dass Sprache „konkret und nicht abstrakt ist“.

          Krämer stört allerdings eines gar nicht so sehr: das häufig verhöhnte „Denglisch“, dessen inflationärer Gebrauch seinem Berufsstand gerne nachgesagt wird. Ihm macht es nicht viel aus, dass in seiner Branche viele Anglizismen genutzt oder sogar eingedeutscht werden, selbst wenn es für etliche sogar ein Äquivalent im Deutschen gäbe – zumal sich auch in seiner Muttersprache vorzüglich Phrasen dreschen lassen. „Oder sind Sie da nicht ganz bei mir?“, bemüht er im Scherz eine der Floskeln, die ihn ganz besonders aufregen, weil sie mittlerweile nicht nur in politischen Talkshows, sondern auch in deutschen Büros im Übermaß Einzug gehalten hat.

          Wer ein echter Berater sein will, spricht fließend Denglisch.

          Er sieht es vor allem kritisch, wenn Fachbegriffe verwendet werden, ohne deren konkrete Bedeutung zu kennen – „und das oft nur, um Kollegen und Kunden Fachwissen vorzugaukeln oder im schlimmsten Fall sogar Ratlosigkeit oder gar Fehler zu übertünchen“. Gerne werden auch Floskeln genutzt, die aus seiner Sicht im Deutschen wenig Sinn ergeben oder unpräzise sind. „Wenn ich beispielsweise sage ,Wir fokussieren uns auf dieses Projekt’ wäre für mich ,Wir widmen uns ausschließlich diesem Projekt und legen die anderen auf Eis’ die weitaus bessere Variante“, so Krämer.

          Nicht die Anglizismen sind das Problem

          Besonders bei jungen Kollegen, die am Anfang ihrer Berufslaufbahn stehen, beobachtet er häufig, wie sie mit solchen Begriffen oder Phrasen um sich werfen, um die eigene Unsicherheit zu überspielen oder Kompetenz zu suggerieren. Er kann es ihnen nicht völlig verübeln. „Wir arbeiten in einer Branche, in der man strategisch vorgehen muss. Ich muss dem Kunden eine gewisse Sicherheit vermitteln, ihm zeigen, dass wir gemeinsam eine Lösung finden werden. Wenn ich mich am Anfang eines Projekts hinstelle und sage, dass ich noch nicht wirklich weiß, wohin die Reise geht, ist das wenig vertrauenserweckend und somit natürlich kontraproduktiv.“ Und viele Berater überspielen diese Unsicherheit dann eben auch mal mit Fachjargon, um zu suggerieren: Wir haben alles im Griff.

          Dieses Phänomen beobachtet auch Inga Ellen Kastens. Die promovierte Linguistin beschäftigt sich seit ihrer Dissertation 2008 zum Thema „Linguistische Markenführung“ mit der Bedeutung von Sprache in der Wirtschaftskommunikation und berät Unternehmen in diesem Bereich mit Blick auf Markenbildung und Unternehmenskultur. Zudem setzt sie sich intensiv mit Sprache in der Werbebranche auseinander. Wie Krämer geht es auch ihr nicht darum, in der Wirtschaftskommunikation Anglizismen auszumerzen und durch deutsche Äquivalente zu ersetzen. „Jede Branche hat ihren Fachjargon, und in der Wirtschaft ist Englisch einfach die Standardsprache, da ist es nur natürlich, dass viele Wörter entlehnt werden“, so Kastens.

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