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Wandel der Arbeitswelt : Das süße Nichtstun

Von allen Dingen, die der Mensch lernen muss, ist der Umgang mit Zeit vermutlich das schwierigste. Es ist verführerisch, sich stets in hektische Aktivität zu begeben: Dann scheint die Zeit zunächst schneller zu vergehen, rückblickend aber erscheint sie lang und erfüllt. Mit dem Nichtstun verhält es sich umgekehrt: Es dehnt die Stunden, während sie verrinnen, und lässt sie im Nachhinein zu einem erbärmlichen Nichts zusammenschrumpfen.

„Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und ,langweilig’ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit“, schrieb Thomas Mann im „Zauberberg“, seinem großen Roman über die Zeit - und über die Folgen unfreiwilliger Muße in einem Schweizer Sanatorium. Aber wer sich sieben Jahre in die Alpen begibt wie Thomas Manns Hauptfigur Hans Castorp, der muss sich aus der Welt der Tätigen radikal verabschieden.

Müßig sein und trotzdem noch dazugehören, geht das?

Der Soziologe Rosa zweifelt daran: „Der Punkt ist, dass wir Menschen nicht nur immer mehr wollen und brauchen, sondern schon zum Erhalt des Status quo auf Wachstum angewiesen sind.“ Er nennt das „dynamische Stabilisierung“. Da ist keine Gelegenheit mehr, sich auszuklinken aus dem täglich sich beschleunigenden Fluss, in dem wir alle immer schneller mitschwimmen müssen, um noch dazuzugehören und nicht an Status, Ansehen und Wohlstand zu verlieren.

Bei der Suche nach der Muße geht es immer auch um die Frage, wie man sich selbst zur Welt und ihrer Dynamisierung stellt. Sie ist „eine bestimmte Form der Weltbeziehung“ wie es der Jenaer Professor in seinem neuen Buch nennt, „eine innere Haltung zu unserer jeweiligen Tätigkeit“, ganz gleich, welcher Art diese Tätigkeit sein mag. Muße kann über uns kommen, wenn wir die Entwicklung der Beschleunigung unsere Zeit akzeptieren und damit die innere Gelassenheit erwerben, dem Lebenstempo seinen Lauf zu lassen. Eines jedenfalls kann Muße nicht sein: das bewusste Abbremsen von Beschleunigung.

Wer sie angestrengt sucht, wird sie nicht finden.

Muße ist mehr als Nichtstun. Der Glücks- und Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago hat diesen ausbalancierten Zustand von Geist und Seele erforscht und mit seinen Konzept des „Flow“ die Wissenschaft nachhaltig beeinflusst. „Flow“ ist die Höchstform des Wohlgefühls, die ein Mensch erreichen kann. Es ist die Muße in Reinform. „Flow ist ein Gemütszustand, den wir erfahren, wenn wir in einer momentanen Tätigkeit vollkommen aufgehen“, sagt er. „Das Ego verschwindet, die Zeit fliegt. Jede Handlung, jede Bewegung und alle unsere Gedanken ergeben sich nur aus der vorangegangenen.“

Menschen vergessen den Hunger, die Müdigkeit, die Umwelt. Muße besteht nicht nur darin, die Zeit zu vergessen, sondern auch sich selbst. Dabei ist die Tätigkeit nicht ohne Ziel: ein Jazz-Stück komponieren, ein Bild malen, einen mathematischen Beweis führen. Muße ist ein Zustand maximaler menschlicher Konzentration, der erreicht wird, wenn man vollkommen aus seiner alltäglichen Realität heraustritt.

Zum Beispiel, indem man am Strand sitzt und eine Sandburg baut.

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