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Eliten an die Waldorfschule : Strickzeug statt Smartphone

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Gegenmodell zur beschleunigten Wirtschaftswelt

Leistungsdruck soll es an Waldorfschulen nicht geben, jedenfalls nicht zu früh. Es sei nicht nötig, dass ein Kind mit acht Jahren lesen könne, schrieb Steiner. Eine Absage an frühe Intellektualisierung scheint einerseits nicht in die Zeit zu passen einer beschleunigten globalen Arbeitswelt und einer Computerrevolution, in der es so aussieht, als würden künftig nur noch Programmierer benötigt. Aber gerade deswegen passt es doch: Und zwar als Gegenmodell zu den Zentrifugalkräften einer beschleunigten Wirtschaftswelt, als das schon die erste Waldorfschule in den 1920er Jahren (für Arbeiterkinder) gegründet worden war.

Freigeister? Waldorfschüler ergreifen oft künstlerische und soziale Berufe, manchmal werden sie auch Ingenieure, seltener jedoch Juristen oder Kaufleute.
Freigeister? Waldorfschüler ergreifen oft künstlerische und soziale Berufe, manchmal werden sie auch Ingenieure, seltener jedoch Juristen oder Kaufleute. : Bild: Cyprian Koscielniak

Oft werden Waldorfschüler belächelt als Traumtänzer, die in der Unternehmenswelt kaum zu gebrauchen seien. Zwar zucken Personalberater von Accenture oder Korn Ferry und anderen Vermittlern für Managementpositionen, wenn man sie danach fragt, nur mit den Schultern: „Der Schulabschluss spielt für uns bei der Auswahl von Kandidaten überhaupt keine Rolle mehr.“ Aber es gibt Grund anzunehmen, dass die Karriereaussichten für Waldorfabsolventen gut sind - nicht, weil die Waldorfschule besser ist, sondern deswegen, weil sie anders ist.

Dirk Randoll von der Alanus-Hochschule, die auch ein Thinktank der antroposophischen Unternehmernetzwerke um die Drogeriekette dm, Alnatura, Software AG und GLS-Bank ist, hat vor einigen Jahren die Lebenswege der Waldorfschüler abgefragt und mit dem gesellschaftlichen Durchschnitt verglichen. Dabei kam - wenig überraschend - heraus, dass sie doppelt so oft künstlerische und soziale Berufe ergreifen, hingegen weniger Juristen und Kaufleute hervorbringen. Ingenieure waren etwas öfter vertreten. Die Schüler hatten aber Mängel in Fremdsprachen und politischer Bildung und beklagten und schimpften über die Eurythmiestunden, den täglich praktizierten Steinerschen Ausdruckstanz.

Totalitär und esoterisch oder einfach nur gut behütet?

Diese Ergebnisse sagten gar nichts aus, beklagt ein Bildungsforscher von der Universität Wien: Denn es fehle eine Vergleichsgruppe. Waldorfschüler kämen überdurchschnittlich oft aus gut situierten, bildungsbürgerlichen Familien, sagt Stefan Hopmann. Mit Gymnasiasten aus entsprechenden Milieus müsste man ihre Karrierewege daher vergleichen, um eine Aussage über den Schulerfolg treffen zu können. Er zweifelt daran, dass es jemals eine solche unabhängige Untersuchung über Waldorfkarrieren geben wird: „Die möchten sich nicht über die Schultern gucken lassen.“ Aber Hopmann sagt, die meisten Waldorfschüler „überstehen die Schulzeit relativ unbeschadet“. Der Einfluss der Schule auf den späteren Lebenserfolg sei ohnehin relativ gering.

Ein inniges Verhältnis zur Natur war für Rudolf Steiner erstrebenswert. Deshalb kann auch Imkerei, wie hier in einer Waldorfschule in Weimar, auf dem Stundenplan stehen.
Ein inniges Verhältnis zur Natur war für Rudolf Steiner erstrebenswert. Deshalb kann auch Imkerei, wie hier in einer Waldorfschule in Weimar, auf dem Stundenplan stehen. : Bild: ddp

Hopmann ist ein erklärter Gegner der Steinerschen Pädagogik. Er hält Anthroposophen für eine esoterische Sekte, spricht von „totalitärer Pädagogik“ und findet den Unterricht an manchen Waldorfschulen so subtil indoktrinär, dass es selbst die meisten Eltern nicht bemerkten. Doch auch er sagt: Waldorfpädagogik sei zunehmend für eine breite Mittelschicht attraktiv. Denn das gehobene Herkunftsmilieu der Kinder gefalle vielen Eltern. Und das Milieu an einer Schule sei, neben der Entfernung zum Wohnort, das entscheidende Kriterium für die Schulwahl. Für pädagogische Konzepte hingegen interessieren sich nur wenige Eltern. „Ich nehme an, dass die meisten Eltern nicht eine Zeile Rudolf Steiner gelesen haben in ihrem Leben.“

Mancher Absolvent aber ist dankbar für seine Schulzeit und hat Karriere gemacht. Etwa Benedikt von Schröder, Abitur 1976. Er war Vorstand der Bank Morgan Stanley in Frankfurt und ist heute Wagniskapital-Manager in den Vereinigten Staaten. Seine Schulzeit habe ihn positiv geprägt, sagt er: „Ich sehe meine Mitarbeiter als ganze Menschen.“ Die Schulzeit in einer behüteten Welt sei ihm gut bekommen. „Gerade in Amerika sind für die jungen Leute die Schrauben extrem eng angezogen, sie lernen riesige Mengen an den Schulen auswendig, die Gesellschaft ist nicht mehr gesund.“

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